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US-Wahlsieger Trump reitet die Welle des Wandels

Die Demokraten werden von der US-Arbeiterklasse für das jahrelange Ignorieren weißer Beschäftigter hart bestraft

  • Von Oliver Kern, Columbus (Ohio)
  • Lesedauer: 5 Min.

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Was für eine Nacht. Wer über den Brexit schon schockiert war, riss sich die Haare aus, als am Dienstagabend die Wahlergebnisse aus den USA eintrudelten. Fast alle Wahlforscher hatten nicht nur damit gerechnet, dass Hillary Clinton die Präsidentschaft gewinnen würde, sondern auch noch mit einem großen Vorsprung. Doch der neue US-Präsident heißt Donald Trump.

Der Immobilienmilliardär aus New York hatte seit Juli 2015 angekündigt, dass er das Rennen mit Hilfe der Arbeiterklasse gewinnen würde, die in Staaten wie Wisconsin, Michigan, Pennsylvania und Ohio seinen Versprechungen am Ende wahrhaftig Glauben schenkten. Die Strategie der Demokraten, sich auf die wachsenden Minderheiten, junge Menschen und Frauen zu verlassen, ging nicht auf. Weiße Männer entschieden diese Wahl. Weiße Männer, die sich von den Politikern in Washington vernachlässigt fühlen. Clinton gewann zwar alle ethnischen Minderheiten mit teils großem Vorsprung, doch Trump sicherte sich 58 Prozent der weißen Stimmen. Und 2016 reichte das ein weiteres Mal, um knapp zu gewinnen.

Das Beunruhigende an diesem Ergebnis ist, dass viele, die vor acht Jahren noch Barack Obama wählten, nun für Donald Trump stimmten. Sie fordern immer noch einen Wandel in Washington. Ähnlich wie 2008 war für 39 Prozent der Bürger die Sehnsucht nach Veränderung das wichtigste Wahlargument, und das, obwohl Präsident Obama mit 53 Prozent recht gute Zustimmungswerte genießt. Darüber hinaus sind jedoch vier von fünf Amerikanern frustriert oder gar verärgert über die Regierungsarbeit.

Trump ritt diese Welle des Wandels, dabei war er sicher nicht der Wunschkandidat der Massen. Drei von fünf befragten Wählern halten ihn für gefährlich und unqualifiziert. Und doch wählten ihn viele, da Hillary Clinton ganz bewusst den Status quo repräsentierte und die Politik Obamas fortsetzen wollte. Ja, es gibt mehr Arbeitsplätze im Land, doch das sind oft nur Billigjobs. Ja, Millionen armer und kranker Menschen haben nun eine Krankenversicherung, doch dies ging auf Kosten der Arbeiter- und Mittelklasse, deren Beiträge stark ansteigen.

Die Demokraten haben die Arbeiterklasse nicht nur in ihrer Politik ignoriert, sondern auch im Wahlkampf. Zu lange hielt Clinton Wisconsin, Michigan und Pennsylvania für selbstverständlich. Dort verlor sie am Dienstagabend die Wahl. Die Ärmsten, die im Jahr weniger als 50.000 Dollar verdienen, wählten sie. Doch bei denen mit einem Jahresgehalt zwischen 50.000 und 100.000 Dollar, die in den USA bei den horrenden Kosten für Krankenversicherung, Studiengebühren und Hauskrediten kaum zum Überleben reichen, gewann Trump entscheidend. Spätestens jetzt werden sich viele Demokraten fragen, ob Bernie Sanders mit seiner Beliebtheit in der Arbeiterklasse nicht doch der bessere Kandidat gewesen wäre, um Trump zu verhindern. So verloren sie fast die Hälfte aller Gewerkschaftshaushalte an Trump. Der Sanders-Flügel dürfte nun immerhin mehr Macht in der Demokratischen Partei erlangen.

Dass Clintons unter dem Druck von Sanders weiter nach links rückte, sich plötzlich gegen internationale Handelsabkommen stellte und eine Verdopplung des Mindestlohns auf 15 Dollar die Stunde forderte, kauften ihr die Wähler nicht ab. Sie galt, auch aufgrund der E-Mail-Affäre als nicht vertrauenswürdig.

Hillary Clinton hat ihren Wählern nie eine Vision präsentiert, sondern nur auf Zahlen geschaut. Wie viel Geld muss sie in welchen Wahlkreisen einsetzen, um irgendwie zu gewinnen. Auch wenn Trump völlig substanzlos agierte, traf er mit dem Slogan »Make America Great Again« zumindest einen Nerv. Im Gegensatz dazu war Clintons »Stronger together« so austauschbar und flach, dass es aus einem Popsong von Britney Spears geklaut sein könnte. Nur drei Prozent aller Wahlwerbespots von Clinton handelten von ihren Vorzügen, ihren Vorstellungen, ihren Zielen. Der Rest war Angstmacherei vor Trump. Sie nutzte nicht einmal das potenziell emotional wirkende Argument, die erste Präsidentin der USA werden zu können, sondern verteufelte nur den frauenfeindlichen Kontrahenten.

Wahlbeobachter wiesen die ganze Nacht darauf hin, dass Clinton schlechter als Obama abgeschitten hätte, doch das stimmte nicht überall. In Florida bekam sie 200.000 Stimmen mehr als Obama. Doch Trump machte auch hier seine Prognose wahr, und mobilisierte – vergleichbar mit dem Brexitvotum in Großbritannien oder den Erfolgen der AfD in Deutschland – viele Nichtwähler, die dem Establishment eine Botschaft schicken wollten.

Ob sich die Arbeiterklasse in den USA mit dieser Wahl einen Gefallen getan hat, ist wahrhaft zu bezweifeln. Die Mauer zu Mexiko wird wahrscheinlich nicht gebaut, ökonomisch ergäbe sie keinen Sinn – und niemand wird dafür zahlen wollen. Ob Trump wirklich Familien auseinanderreißen wird, indem er Eltern aus dem Land schmeißt, deren Kinder US-Bürger sind, ist auch fraglich. Viele seiner Parteifreunde im Kongress, dessen Kammern ebenfalls in der Hand der Republikaner bleiben, fürchten solche Bilder. So bleiben die Einwanderer erst einmal im Land und damit eine Konkurrenz für weiße Arbeiter. Und wenn Trump wirklich Strafzölle für Waren aus Mexiko einführt, werden die letztlich auch an die Verbraucher weitergegeben, die gerade für Trump gestimmt haben.

Für Latinos, Schwarze und Muslime dürfte es aber eine angstvolle Zeit werden. Van Jones, Analyst beim TV-Sender CNN, berichtete noch in der Wahlnacht von einer Nachricht eines muslimischen Freundes, in der stand: »Meine Kinder haben geweint, als ich sie ins Bett gebracht habe, und sie fragten, ob wir jetzt aus dem Land fliehen müssen.« Welcome to the new USA!

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