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Der Ex-Ukrainer Sergej Karjakin fordert Schachweltmeister Magnus Carlsen heraus. Von Denis Trubetskoy

  • Von Denis Trubetskoy
  • Lesedauer: 4 Min.

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Für den Russen Sergej Karjakin könnte der Druck kaum größer sein. Der 26-jährige Schachmann ist der Herausforderer von Titelverteidiger Magnus Carlsen beim Zweikampf um den Titel des Schachweltmeisters, der vom 11. bis zum 30. November in New York ausgetragen wird. Der Neunte der Weltrangliste, der im März das Kandidatenturnier in Moskau überraschend für sich entschied, geht zwar als klarer Außenseiter in das Endspiel gegen den Norweger. Trotzdem sind die Erwartungen an Karjakin in Russland riesig - aus gutem Grund.

Denn Russland ist eine echte Schachnation. Fast 80 Jahre haben die Schachmänner aus Russland und der Sowjetunion die Szene dominiert, nur fünf Jahre zwischen 1927 und 2007 gehörte der Titel des Schachweltmeisters anderen Ländern. Doch seit Viswanathan Anand 2007 Wladimir Kramnik als Weltmeister ablöste, waren die Russen plötzlich aus der Weltspitze abgetaucht: keine Weltmeister aus Russland - und noch nicht einmal mehr Herausforderer. Nun will der 26-Jährige die Schachkrone zurück nach Russland holen. »Ihr Platz ist hier«, sagte Karjakin nach dem Moskauer Turnier.

Dass Karjakin heute für Russland antritt, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Er ist nicht nur in der Krim-Hauptstadt Simferopol geboren und aufgewachsen, mit ukrainischem Pass feierte der talentierte Schachmann auch seine ersten Erfolge. So gewann Karjakin, mit zwölf Jahren und sieben Monaten der jüngste Schach-Großmeister aller Zeiten, bereits 2004 mit der ukrainischen Nationalmannschaft die Schacholympiade. Im Sommer 2009, fünf Jahre vor der russischen Annexion der Halbinsel Krim, erhielt er jedoch dank des Sondererlasses des damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedew die russische Staatsbürgerschaft.

»Das war eine leichte Entscheidung - sowohl sportlich als auch politisch«, erklärt Karjakin. »In der Ukraine sah ich einfach keine Chance, mich weiterzuentwickeln. Auf der Krim gab es keine Großmeister. Ich musste in andere Städte fahren, um ordentlich trainieren zu können. Dann kam das Angebot des russischen Schachverbandes.« Während die heutigen Erfolge Karjakins für viel Empörung in der Ukraine sorgen, versuchte der ukrainische Verband es vor sechs Jahren nicht, ihn zu halten. »Es ist damals sehr ruhig gelaufen, quasi problemlos«, sagt Karjakin. Allerdings ist es aus politischen Gründen eher unwahrscheinlich, dass die Ukraine ihn hätte halten können.

»19 Jahre vor dem Umzug nach Russland habe ich fast ausschließlich auf der Krim verbracht. Ich war also vor allem Bürger der Krim«, erklärt Karjakin. »Deswegen habe ich mich schon immer als Russe gefühlt. Im Grunde genommen kann ich gar kein Ukrainisch, meine Freunde sprechen alle Russisch. Ich hatte gar kein Problem, mich in Russland zu adoptieren - und Moskau ist für mich sogar zur zweiten Heimat geworden.« Dennoch reiste Karjakin nach der russischen Übernahme mehrmals auf die Schwarzmeerhalbinsel - und hat eine eindeutige Meinung über die Lage auf der Krim. »Die Krim ist für mich Russland«, sagt der 26-Jährige. »Ich kenne keinen einzigen Menschen, der gegen die Angliederung gestimmt hat. Alle Freunde, alle Bekannte von mir freuen sich immer noch darüber.«

Außerdem hat sich Karjakin mehrmals als Fan des russischen Präsidenten Wladimir Putin geoutet. Auf seinem Instagram-Foto trägt er sogar ein T-Shirt mit einem Porträt Putins und der Aufschrift »Swoich ne brosajem« (»Unsere Leute werden nicht verlassen«). »Ich habe großen Respekt vor Putin und seiner Politik«, sagte Karjakin mehrmals. Gerüchten zufolge ist die politische Position des 26-Jährigen der Grund seiner schwierigen Beziehungen mit dem ehemaligen Weltmeister Garri Kasparow - einem mächtigen Mann in der Schachwelt, der sich politisch stark gegen die Linie des Kremls einsetzt. Es wird sogar spekuliert, dass Karjakin auf Wunsch Kasparows zu einigen großen Turnieren nicht eingeladen wurde. Ob das tatsächlich so abgelaufen ist, bleibt äußerst fraglich.

Die Spuren des großen Kasparow sind beim Zweikampf zwischen Carlsen und Karjakin jedoch leicht zu finden: Die russische Schachlegende hat den amtierenden Weltmeister ein Jahr lang als Trainer betreut. »Ich würde Carlsen trotzdem nicht Kasparows Schüler nennen, schließlich war das nur ein Jahr. Das gab ihm jedoch sicher sehr viel«, betont Karjakin, der seinerseits mit dem legendären Trainer Jurij Dochojan arbeitet. »Mein Trainer Dochojan hat elf Jahre lang Kasparow betreut. Deswegen hat Carlsen bestimmt keinen Vorsprung, was die theoretische Vorbereitung angeht«, sagt der Russe selbstbewusst. »Unsere Chancen sind gleich.«

Das jedoch zweifeln Schachexperten an, obwohl Karjakin als einer der talentiertesten Spieler der heutigen Generation betrachtet wird. Doch nach seinem Wechsel zu Russland erlebte der 26-Jährige eine schwere Zeit; erst seit 2012 geht die Ergebniskurve des gebürtigen Simferopolers wieder nach oben. »Karjakin ist ein sehr starker Gegner«, gibt auch der 25-jährige Norweger Carlsen zu. Und Karjakin sagt: »Klar ist Carlsen wie Kanada im Eishockey, einer der besten Schachmänner aller Zeiten. Vielleicht auch der Beste. Aber ich werde deswegen nicht aufgeben.«

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