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Jugendlich und abgehängt

Neue Studie zeigt: Erwerbstätigenquote steigt, das Risiko, in der EU zu verarmen aber auch

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Mehr Jobs, mehr Erwerbstätige, mehr Menschen droht Armut. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung zur sozialen Gerechtigkeit in der Europäischen Union 2016. Erstmals seit Ausbruch der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 sei die Gesamtzahl der abhängig Beschäftigten in der EU wieder gestiegen, teilte die Stiftung am Montag in Gütersloh mit. Die Quote stieg zwischen den Jahren 2014 und 2015 von 64,8 Prozent auf 65,6 Prozent. Gleichzeitig sank die Arbeitslosenquote von 10,4 auf 9,6 Prozent. Doch was ist das für Arbeit, wenn die Quote der »Working Poor« von 7 auf 7,8 Prozent steigt?

Die Stiftung gibt an, dass auch die Chance auf gesellschaftliche Teilhabe erstmals seit dem Jahr 2008 wieder gewachsen ist. Fast jeder vierte Europäer und jede vierte Europäerin sind jedoch von sozialer Ausgrenzung oder Armut bedroht. Besonders Kinder und Jugendliche profitierten zu wenig von der Erholung.

»Ein Vollzeitjob muss nicht nur das Einkommen, sondern auch das Auskommen sichern«, sagte Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, am Montag. Er zeigte sich besorgt: »Ein steigender Anteil von Menschen, die dauerhaft nicht von ihrer Arbeit leben können, untergräbt die Legitimität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.«

Das vermutlich größte Problem sieht die der linken Agitation in der Regel unverdächtige Bertelsmann Stiftung in der Jugendarbeitslosigkeit. Spitzenreiter ist Griechenland. Dort sind 49,8 Prozent der Jugendlichen erwerbslos. Schlusslicht ist Deutschland mit einer Quote von sieben Prozent. Knapp ein Drittel der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahre sind armutsgefährdet. Mittlerweile müsse fast jedes zehnte Kind in der EU »schwerwiegende materielle Entbehrungen ertragen« - beinahe doppelt so viele wie bei den über 65-Jährigen.

Für de Geus stellt die hohe Zahl der abgehängten Jugendlichen eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar. »Die wachsende Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen spielt den erstarkenden populistischen Bewegungen in die Hände. Wir dürfen nicht riskieren, dass sich die Jugend enttäuscht und frustriert aus der Gesellschaft zurückzieht«, sagte er in Gütersloh. Besonders Südeuropa habe mit einem hohen Anteil Jugendlicher »zu kämpfen, die komplett außerhalb von Job und Ausbildung leben und somit kaum Chancen auf einen sozialen Aufstieg haben«.

Die Schlussfolgerung der Bertelsmann Stiftung: Es brauche Investitionen - beispielsweise in frühkindliche Bildung -, um die Teilhabe- und Generationengerechtigkeit zu sichern. Des Weiteren müssten Weiterbildungsangebote für Geringqualifizierte verbessert werden, um die »soziale Kluft in der EU« zu verringern. Und letztlich gilt: »Vollzeitjobs müssen ein vollwertiges Auskommen garantieren.« Gewerkschaften und Unternehmen müssten »gemeinsam Grundlagen für qualitatives Jobwachstum sichern«.

Woran aber liegt es, dass immer mehr Menschen in Europa von Armut bedroht sind, wenn doch die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt steigt? Die Politikwissenschaftlerin Karin Schulze Buschoff vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung untersuchte Ende 2015 Beschäftigungsformen in Europa und sich daraus ergebende Herausforderungen für die Alterssicherung und die gewerkschaftliche Interessenvertretung. Während letzteres das Thema dieses Textes sprengen würde, kann ersteres Erklärungen liefern: »Mehr als ein Drittel der europäischen Erwerbstätigen arbeiten inzwischen in ›atypischen‹ Beschäftigungsformen, Tendenz steigend«, heißt es in der Kurzbeschreibung des Papiers. So seien beispielsweise die Teilzeitarbeit in den Niederlanden, die Soloselbstständigkeit in Italien oder der Werkvertrag in Polen inzwischen als »normale« Beschäftigungsverhältnisse angesehen - Verhältnisse, die sich durch Unsicherheit, immer wieder Unterbrechungen sowie ein erhöhtes Risiko der Erwerblosigkeit auszeichnen. Überdies sind die Einkommen von atypisch Beschäftigten in der Regel niedriger.

Hier zeigt sich eine mögliche Erklärung, wieso in Europa der kleine Aufschwung nicht bei allen ankommt. Eine Frage ist, ob die Sozialpartner das alleine regeln können oder ob nicht doch gesetzgeberische Maßnahmen vonnöten sind, die stärker auf eine europäische Arbeitsmarktpolitik abzielen, als dies bisher der Fall ist.

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