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Vom Glück der schweren Tage

Das Leben verlangt sein Recht. Der Tod gibt den Stab nur weiter

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»Ich höre auf zu leben, aber ich habe gelebt.« Auch das metallene, leise Scheppern, dieses leise Quietschen des Törchens zur Straße klingt heute anders. Das Auge nimmt die Kratzer in seinem weißen Lack unten links an diesem Tag so ganz anders wahr, dort wo der ortskundige Fuß leicht Druck ausüben kann, um es zu öffnen. Es sucht nach Spuren. Der Geist findet Halt im Vergangenen und ist doch auf eine schmerzhafte Art im Jetzt, wie noch nie im Leben. Tausend Dinge verdrängen den Schmerz. Erinnerungen und Kontoauszüge, der Blumenschmuck, ein Gürtel auf dem verwaisten Bett, Rechnungen, ein Bild ungewohnt auf der Kommode, Anträge, Anrufe, Be- und Abbestellungen füllen die Tage mit notwendigem Handeln. Kommen nun die heilsamen Momente, die aus diesem Splitterbild ein Ganzes machen?

Es sind nur wenige Minuten bis zur Kapelle, zu deren Füßen das kleine Geviert im Grünen liegt, das schon vor langen Jahren für einen Tag in weiter Ferne gesucht und gefunden wurde. Die kleine, elegante Frau, die sich doch ganz sicher war, dass es ganz anders kommen würde, verharrt vor der Beifahrertür. Sonst war die Hand schon längst an ihrem Griff, wenn es los gehen sollte. Wohin auch immer. Goethes Wahlspruch hat ihr gut gefallen. Wie oft schon gesehen, diese aufrechte Haltung, dieser Blick, wenn es darauf ankam? Gleichzeitig arbeitet die Trauer, will Weichheit fließen lassen. Ein Kampf, den jeder in dieser kleinen Karawane des Abschiednehmens in sich trägt.

Die Reifen knirschen über den Schotter. Vorsichtige, traurige Blicke von draußen. Sie hatten nur eine Woche Zeit, um aus Nah und Fern zu kommen. Sanft und doch wie ein eingeschworener Stoßtrupp stellt sich die kleine Gruppe den Freunden. Es bleibt unsagbar, wie es sich anfühlt, wenn diese Umarmungen Wärme geben. Mancher Körper ist auch schon viel leichter geworden auf seinem unvermeidlichen Weg.

Die klugen ruhigen Worte des jungen Pfarrers lassen nicht nur ein Leben Revue passieren. Er bindet es auch in den großen Zusammenhang derer ein, aller, die schon früher gingen und im Leben eine hoffnungsvolle Reise sahen. Dann die Worte eines Kollegen und Freundes, die einen Menschen aufleuchten ließen, der in seinem Beruf, seiner Firma aufgegangen ist. Die kleine Frau ist ganz bei ihnen. Es war teils auch ihr Leben, dass sich da wie ein Pergament entrollte. Die vier Schritte zur Kanzel verbleiben wie im Nebel. Zum ersten Male Worte im Namen der Familie. Da schwankt die Welt.

Der erste Sekt tut gut! Alle sind hinterhergekommen, nur die wenigsten greifen nach Orangensaft. Es ist fast ein Fest, wie es ihm gefallen hätte. Nun ist die Zeit, für das Wiedersehen. Fragen nach dem Leben jenseits des Moments tun gut. Viele sehen sich zum ersten Mal nach langer Zeit. Die Nachbarn genießen das unverhoffte Treffen und sehen, wie ihre gute Laune nun gefragt ist. Es werden frohe, auch melancholische, interessante Stunden. Dann häufen sich die Abschiede, doch hat das Alleinsein mit dem Schmerz einen unvergesslichen Kontrapunkt bekommen. Auch der nächste Tag wird Neuland sein, wenn es gilt, im kleinen Kreis einen Körper zu verabschieden.

Wieder helfen die generationenweisen, jungen Worte des Geistlichen, als sich die Familie vor der geschmückten Urne im Foyer der Kapelle aufstellt. Vor der Übergabe der sterblichen Reste tut sich Furcht auf. Nein, sie sind nicht zu leicht für ein Leben von Gewicht. Langsam geht die kleine Gruppe den geschwungenen Weg an Grabsteinen vorbei, die manches Mal eine kleine Geschichte zu erzählen wissen. Nun noch einpaar Stufen hinauf zu dem Platz, der nun zu einer Adresse, auch zur Zuflucht werden kann. Tapfer schwankend sagt die kleine Frau: »Ich mache es«, übernimmt das Gefäß und lässt es mit Hilfe in die so unscheinbare, mit grünen Kunstfilz drapierte Öffnung der Erde. Ein Adieu unter zweien.

Das ist nun alles noch nicht lange her. Immer wieder kommt die große, dann die kleine Trauer und doch waren die Begräbnistage für meinen Vater, für alle Beteiligten, wie ich weiß, gute. Das hilft sehr, insbesondere wenn nun ein ganz anderes Leben gelebt werden will. Die Entscheidung, kurz nach dem Todesfall auch zur Verabschiedung einzuladen, muss nicht immer richtig sein. In unserem Falle jedoch blieb eine sehr sinnfällige Verbindung vom Todestag bis zur Übergabe an die Erde. Der Alltag hilft in diesen schweren Tagen, kann aber zur schweren Last werden, wenn die letzten Schritte bis zur Beisetzung auf sich warten lassen. Rücksicht auf eventuell verhinderte Trauergäste war nicht nötig. Wir hörten kein böses Wort, hatten wir doch jenen, die nicht kommen konnten, die schon unnötige Entschuldigung abgenommen. Blumengebinde gab es auch nicht. Wohl aber Spenden an den Verein Ärzte ohne Grenzen. Das Leben verlangt sein Recht. Der Tod gibt den Stab nur weiter.

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