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Mitten in Köln

Eine Stadt nach dem gewaltsamen Tod eines Obdachlosen

  • Von Sebastian Weiermann, Köln
  • Lesedauer: 3 Min.

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Montagabend, es ist kalt und nass in Köln. Acht Grablichter und ein schlichter Strauß Blumen liegen in einem Winkel unter der Hohenzollernbrücke. In der Nacht zum Sonntag ist hier der 29-jährige Basti umgebracht worden. Ein Unbekannter oder mehrere Täter hatten ihm schwere Verletzungen im Gesicht zugefügt und ihn anschließend angezündet. Bereitschaftspolizisten, die seit Silvester verstärkt in Köln eingesetzt werden, hatten den brennenden Mann entdeckt. Ein Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen.

Der 29-jährige, der erst seit kurzem in Köln war, er stammt aus Berlin, lag mitten in der guten Stube der Stadt. Von dem Bürgersteig aus, auf dem Basti umgebracht wurde, kann man den Musical Dom und den Rheingarten sehen. Es gibt zwei Wege, um vom Dom hierher zu kommen. Auf dem einen läuft man am Dom entlang, am Museum-Ludwig vorbei und über die Philharmonie in den Rheingarten. Im Sommer sind hier tausende Menschen unterwegs. Der andere Weg führt durch mehrere Unterführungen unter der Hohenzollernbrücke her. Die Bürgersteige sind schmal, die Autos rasen und es stinkt nach Urin. Die Ecken und Winkel hier sind bei Obdachlosen begehrt.

Am Montagabend macht sich ein Obdachloser, ein paar Meter vom Tatort entfernt, sein Nachtlager fertig. Er ist ein großer, kräftiger Mann. Er erzählt, dass er schon lange auf der Straße lebt. Von dem Mord hatte er noch nichts mitbekommen, er ist deutlich schockiert als er davon hört. In Köln habe er noch keine Gewalttätigkeit gegen Obdachlose erlebt. »Vor 15 Jahren im Osten« sei er einmal verprügelt worden. Gegen den Kopf sei ihm getreten worden. Er nimmt seine Mütze ab und zeigt eine kleine Narbe, die er von dem Angriff hat. Auf die Frage, wer den Mord begangen haben könnte, sagt er: »Bestimmt Nazis!« Die seien es auch gewesen, die ihn damals verprügelt hätten. Wenn so was passiere, müsse man zusammen mit anderen schlafen, sagt er. Eigentlich schläft er lieber alleine, er wolle seine Ruhe haben.

Gewalt gegen Obdachlose und Wohnungslose wird nicht amtlich erfasst. Die »Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe« (BAGW) führt allerdings eine Statistik über Gewalttaten. Seit 1989 gab es 485 Tötungsdelikte gegen Obdachlose. In etwa der Hälfte der Fälle sind die Täter selbst obdachlos. 28 finden sich auch in verschieden Chroniken rechter Gewalt. Benjamin Giffhorn von der BAGW spricht von »sozialdarwinistischen Gründen«, aus denen Nicht-Obdachlose Menschen angriffen. Ein typisches Muster seien junge Männer, die ältere Obdachlose attackieren.

Gewalttaten unter Obdachlosen würde oft aus nichtigen Anlässen entstehen, erklärt Giffhorn. In Unterkünften gebe es immer wieder Auseinandersetzungen, die Ursache sieht Giffhorn in den beengten Verhältnissen in den Schlafstellen. Ein besonderes Problem seien Übergriffe gegen obdachlose Frauen. Oft leiden sie stark unter sexualisierter Gewalt. Männer böten ihnen Schlafplätze an, in den Wohnungen kommt es dann zu den Taten, die Frauen sind aber vom warmen Schlafplatz abhängig.

Am Eingang des Hauptbahnhofes sitzen am Montagabend zwei junge obdachlose Männer auf einer Isomatte. Sie sind in dicke Jacken eingemummelt, trinken Bier. Von dem Toten haben sie gehört. Einer von beiden ist sich unsicher, glaubt den Toten einmal gesehen zu haben. Gekannt hab er ihn nicht. Beide erzählen, schon oft mit Pöbeleien und Gewalt konfrontiert worden zu sein. Am Wochenende sei es besonders schlimm. Die Becher, die beide vor sich stehen haben, um Geld zu sammeln, würden oft weggetreten. Manchmal werde ihnen vor die Füße gespuckt oder eine Flasche Bier zerdeppert.

Ein anderes Problem sei, dass sie immer wieder verscheucht werden. Vor Restaurants, Hotels oder Einkaufszentren bekomme man immer wieder Stress, erzählt einer. Kurz nach dem Gespräch werden beide von Sicherheitsmännern der Bahn angesprochen. Sie sollen den Eingang verlassen. Ein paar Meter von ihnen entfernt stehen Touristen und fotografieren den Dom. Kölns Wahrzeichen.

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