Werbung

Durch die Medina von Marrakesch

Eva Bulling-Schröter über ihre ersten Impressionen vom UN-Klimagipfel in Marokko

  • Von Eva Bulling-Schröter
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Ankunft am Flughafen. Marrakesch weht in roten Bannern: »Act, Agir, Actuar«. Die Klimakonferenz in den riesigen Plastik-Planen-Zelten vor den weiß verschneiten Hängen des Atlas-Gebirges hat sich »das Handeln« auf die Fahnen geschrieben. Immerhin: Mit dem vorletzter Woche in Kraft getretenen Pariser Klimavertrag vom Winter letzten Jahres ist noch nie zuvor ein Völkerrechtsabkommen so schnell gültig geworden. Jetzt soll eine Gebrauchsanleitung verhandelt werden, wie es geschafft werden kann, damit sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts nicht um 2 Grad erwärmt. Aber Papier ist geduldig. Schon 2016 war das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Auch die »Perle des Südens« lechzt wegen Trockenheit nach Wasser. Schon immer war das kostbare Nass in der alten Festungsanlage Mangelware, zwei Staudämme vor den Toren liefern der knapp 1-Million-Einwohnermetropole das Trinkwasser.

In jedem Tee-Laden, bei jedem Fleischer und Schraubenhändler, überall dasselbe Foto. Allgegenwärtig schaut der König von Marokko auf seine Untertanen und Untertaninnen herab. »Auf dem Bild ist der König noch jung«, lacht beim Gebäck-Essen am Straßenrand ein junger Mann. Nennen wir ihn Abdel, denn, so erzählt der Mitte-Zwanziger, in der Öffentlichkeit sollte man lieber zweimal nachdenken, was man über Mohammed Ben Al-Hassan so von sich gibt. Seit 1999 regiert der 53-jährige »sein« Land. »Deutschland ist die stärkste Wirtschaftsmacht in Europa«, das würde man hier in der Schule lernen, sagt Abdel anerkennend mit dem Kopf schüttelnd.

Anerkennung will auch Umweltministerin Barbara Hendricks. In Berlin stutzten die Ministerien ihren Klimaschutzplan zusammen. Die neue Strategie zur Treibhausgasreduzierung ist nicht nur für die SPD-Frau eine Niederlage, sondern besonders auch für die Umwelt. Die Politik macht der Wirtschaft so gut wie keine konkreten Maßnahmenvorschläge, von Vorgaben wie ein Ende von Verbrennungsmotoren ab 2030 für neue Autos ganz zu schweigen. Gestern, am Montag, stellte sie den Plan der Weltpresse vor. Im kleinen Medienzelt »Rabat« sieht sie Deutschland immer noch als Vorreiter für Klimaschutz. Das deutsche Klimaziel liege ja immer noch 15 Prozentpunkte über dem EU-Klimaziel. Neue Gesetze für mehr Klimaschutz, etwa ein Kohleausstiegsgesetz, wie die Linke und Grünen es fordern, oder ein Klimaschutzgesetz, das sei erstmal nicht in Sicht. Man müsse auf »die Marktkräfte« und »technische Innovation« setzen. Frau Hendricks hat eindeutig neoliberale Kreide gefressen.

»Ich finde den König gut, er sorgt für Wachstum und Sicherheit«, ist auch der Fahrer vom Flughafen ins Hotel zufrieden. Man müsse nur nach Ägypten und Libyen schauen, da geht alles den Bach runter, findet er. Der Preis für die Ruhe ist nicht gerade klein, der König ist per Verfassung mit aller Macht ausgestattet, das Parlament nur eine Fata Morgana von Demokratie. »Ich darf nicht mit ausländischen Touristen reden«, flüstert ein junger Mann im Sportanzug, der mir den Weg durch das Straßen-Tetris der Altstadt zeigt. Wie läuft es für junge Menschen hier, frage ich trotzdem: »Schlecht, es gibt keine Arbeit für uns.« Davon, dass wohlhabende Marrokaner und Europäer die schöne Altstadt aufkaufen und sich Luxus-Wohnungen in den malerischen Gemäuern bauen lassen haben die jungen Leute nicht viel, mal hier einen Aushilfsjob, mal da. Dafür gehen die Grundstückpreise und Mieten in die Höhe, Gentrifizierung und Verdrängung auf marokkanisch. Und die Klimakonferenz? Die bringt Arbeit, eile ich im Stechschritt durch die Gassen der Medina, »aber nach zwei Wochen ist alles wie vorher«.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen