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Chronistin des Wahnsinns

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist Artist in Residence am Konzerthaus

Aufs Podium kommt sie mit buntem Baumwollkleid und Wuschelkopf. Dann schlüpft sie aus ihren roten Pantoffeln, um barfuß zu musizieren. Schon vor dem ersten Ton ahnt man, dass Patricia Kopatchinskaja frischen Wind ins Konzerthaus bringt. Die Geigerin, die aus der Moldauischen Sowjetrepublik stammt und in Wien aufwuchs, gab am Wochenende ihren Einstieg als »Artist in Residence« am Gendarmenmarkt.

Für ihren Auftritt mit dem Konzerthausorchester unter Iván Fischer wählte sie Schumanns Violinkonzert, das ursprünglich für den Geiger Joseph Joachim entstand. Doch Schumanns psychische Zerrüttung verhinderte die Uraufführung, so dass das Stück erst 1937 in einer verschlimmbessernden Bearbeitung von Hindemith das Licht der Welt erblickte - begleitet von nationalsozialistischer Propaganda. Patricia Kopatchinskaja startet ihre Residency also mit einem Werk von brüchiger Rezeptionsgeschichte, das sich zudem kaum für eine Zurschaustellung virtuoser Brillanz eignet.

Die Solistin legt ihr Augenmerk vielmehr auf die innige Zwiesprache mit dem Orchester. In den einleitenden Orchestertakten wippt und singt sie mit; die rhythmischen Akzente lassen ihren Körper beben. Kopatchinskaja interpretiert das Violinkonzert - so sagte sie sie in Interviews - als ein autobiografisches Vermächtnis Schumanns: Die Geige steht für das einsame Individuum, das mit dem Schicksal der drohenden geistigen Umnachtung hadert.

Die Geigerin spielt hier mit expressiv zugespitztem, heiser beredten Tonfall; die Spannung entlädt sich immer wieder in einzelnen überakzentuierten Tönen. Im langsamen Satz verweigert sich Kopatchinskaja der romantischen Kantilene zugunsten eines eindringlich zarten Stammelns; die Polonaise am Ende ist ein grotesker, aberwitziger Taumel.

Die Uraufführung einiger »Skizzen« von Friedrich Cerha ging dem Schumann-Konzert voran. Der österreichische Komponist schrieb sie für ein herkömmliches Sinfonieorchester. Die kurzen Sätze erinnern an Schönberg und Webern, ohne sich jedoch deren Raffinesse zu nähern.

Den Abschluss des Abends machte eine musikantisch gut gelaunte Version von Beethovens Vierter Sinfonie, die Iván Fischer mit seiner eigentümlichen Armrüttelgestik auswendig dirigierte.

Patricia Kopatchinskaja wird das Konzerthaus-Publikum in den nächsten Monaten begleiten. Die Musikerin gestaltet ihre Residency ausgesprochen vielseitig. Am 24. November leitet sie von der Geige aus das amerikanische Saint Paul Chamber Orchestra. Im Zentrum des Abends steht Schuberts Quartett »Der Tod und das Mädchen«, das Kopatchinskaja für Streichorchester bearbeitet hat.

Am 13. März kommenden Jahres tritt die Geigerin zusammen mit dem eigenwilligen Dirigenten Teodor Currentzis und seinem Nowosibirsker Ensemble Musica Aeterna auf. Vorfreude auf ihre Residency weckte Kopatchinskaja am Wochenende auch mit der Zugabe: Augenzwinkernd erklärte sie, sie hätte gestern bemerkt, dass Iván Fischer auch komponiere; sie wolle eines seiner Stücke spielen. Ein Klavier wird in den Saal gerollt. Die Geigerin setzt sich auf den Bühnenrand, der Dirigent ans Klavier. Und dann erklingt ein geistreicher Ragtime.

Weitere Konzerte bis Juni 2017 im Konzerthaus, Gendarmenmarkt, Mitte

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