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Porträt eines Landes im Wandel

Burkina Faso bereitet »Schlaflose Nächte« im Hebbel am Ufer

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

In Afrikas nordwestlicher Ausbuchtung liegt Burkina Faso, ist als Binnenstaat von sechs Ländern umgeben. Erst 1960 erlangte die einstige Kolonie Frankreichs ihre Unabhängigkeit, ist in die Hand verschiedener Potentaten von teils langer Dienstzeit geraten und hat etliche Putschversuche überlebt. Den 27 Jahre regierenden Präsidenten Blaise Compaoré hat das 19-Millionen-Volk der 60 Sprachen 2014 verjagt und hofft nun auf Wandel, der, wie man weiß, so rasch nicht vonstatten geht.

Auch die Künstler des Landes nehmen regen Anteil am gesellschaftlichen Diskurs, ihre Kunst ist politisch, bisweilen subversiv. Wie sie genau ausschaut, zeigt derzeit das Festival »Schlaflose Nächte - Burkina Faso zwischen Kultur und Revolution« in den Spielorten des Hebbel am Ufer. Doch diesmal gibt sich das HAU, sonst so produzierfreudig, wenn es um Begleitmaterial seiner Festivals geht, ausgesprochen dünnblättrig, statt Verständnis für das Spezifische jenes Landes zu wecken. Ein sehr schmales Faltblatt bietet wenig Zusatzinformation zum Gesehenen. Dabei spürt man, mit wie heißem Herzen die Tänzer und Schauspieler agieren.

Eröffnet wurde das Festival zu Beginn der Woche mit dem Tanzritual »Geschrei der Arenen« des über seine Heimat hinaus renommierten Choreografen Salia Sanou. Vor einer Rückfront aus rund 100 roten, zum Wall gestapelten »Kissen« ziehen sie feierlich auf: acht nur mit einem weißen Slip gekleidete Champions. Applaus wie in der Atmosphäre eines Stadions umhüllt sie, vier Musiker am Rand feuern sie an. In einem ausgiebigen Zeremoniell legen sie rote Tücher als zweiten, kunstvoll verknoteten Slip an, ehe sie zu Gesang sportiv kämpferische Formation einnehmen. Mehrfach sind sie kreuchende Wesen mit Krallenhänden, als würden sie hierbei verehrte Tiere imitieren. Attacke und Verteidigung, Schreie, Gewühl und geballte Abwehr wechseln einander ab. Und wie Hunde apportieren, so legen sie weiße Tücher zum großen Rund aus. In ihm kommt es zu Zweierkämpfen, bei denen der Gegner am Gürtel gepackt und zu Boden geworfen werden muss.

Mehrmals stecken Tänzer Kopf und Körper in den roten Wall, als wollten sie eine Grenze durchdringen. Es ist Zeit zu erkennen, wie reich die Welt sein könnte, heißt es in einem Songtext. So dürfte der Sturm gegen die Wand auch eine politische Dimension haben, das Hundespiel die weiße Sicht auf Afrika glossieren. Am Ende der physisch zehrenden Stunde verdecken die farbigen Kampfathleten mit den weißen Tüchern erst ihr Gesicht, dann den schweißglänzenden Körper, als seien sie Muslime. Ob echtes Ritual oder versteckte Politbotschaft - Vitalität und Kraftaufwand beeindrucken.

Deutlicher geht es in Serge Aimé Coulibalys Tanz-Text-Stück »Schlaflose Nacht in Ouagadougou« zur Sache. Ein Tänzer tritt aus dem Saal auf die Bühne, will leidenschaftlich reden, doch ein weißer Knebel verstopft ihm den Mund. Ein weiterer Tänzer ist willenlos rollendes Opfer, das einer Sitzenden zur Pietà-Pose in den Schoss springt. Ein anderer spricht immer wieder flammende Texte. Ein Blumen-Hippie wird entblättert, eine Frau misshandelt - Gewalt, wie sie sich in instabilen, gesetzfreien Zonen überall ereignet. Wir wollen das System ändern, verkündet der Text, der sich später mit Musik zu Rapgesang und Schütteltanz verbindet. Prompt verwandeln sich die Akteure da in Kusshand werfende Revolutionäre, einer wird mit riesigem Schatten zum lebenden Denkmal. Ihre gegenseitige Verdrängung mag auf den steten Wechsel der Machthaber anspielen. Bis alle als Geste der Ergebung die Hände heben.

Volle Energie und noch mehr gute Absichten stecken in dieser engagierten Performance, die dem europäischen Betrachter viel Spielraum für eigene Assoziation lässt, zumal die Textebene nicht funktioniert.

Bis 19.11., Hebbel am Ufer; www.hebbel-am-ufer.de

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