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Wissensgesellschaft

Smarte Worte 23: Der Wandel von der Arbeits- in eine Dienstleistungsgesellschaft – oder steckt noch mehr dahinter?

Foto: Grafik von Michael Heidinger
Foto: Grafik von Michael Heidinger

Wissensgesellschaft ist ein ambitionierter, aber höchst unscharfer Großbegriff, der besonders im deutschen Sprachraum oft anstelle des etwas zurückhaltenderen Begriffs Informationsgesellschaft verwendet wird. Der Begriff stammt aus den US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaften, die damit die Auswirkungen der wachsenden Komplexität von Verwaltung und Wirtschaft der Nachkriegsjahre zu fassen versuchten. 1957 sprach der Managementtheoretiker Peter Drucker erstmals vom Wissensarbeiter (»knowledge worker«), um damit eine wachsende Klasse von Angestellten in privaten wie öffentlichen Verwaltungs-, Entwicklungs- und Forschungsabteilungen zu bezeichnen, deren Aufgabe es war, komplexe, wissenschaftlich gestützte Tätigkeiten auszuüben. 1962 veröffentlichte der Makroökonom Fritz Machlup die empirische Studie »The Production and Distribution of Knowledge in the United States« in der er resümierte, dass bereits mehr als 40 Prozent aller Beschäftigten in der »Wissensökonomie« (»knowledge economy«) tätig seien. Die empirische Orientierung auf die US-Wirtschaft hatte zur Folge, dass stillschweigend vorausgesetzt wurde, dass die Wissensgesellschaft eine kapitalistische sei und Wissen als Eigentum zu behandeln sei. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Bereits in den frühen Studien lassen sich darüber hinaus gehende begrifflich-politische Probleme erkennen, die bis heute nicht gelöst sind. Mehr noch als der Begriff Information gilt Wissen als ein positiver Begriff, der sich nahtlos in ein Narrativ von Aufklärung und Rationalität einfügt. Damit wird er nicht nur analytisch-deskriptiv, sondern auch politisch-proskriptiv. Das heißt, Analysen der Wissensgesellschaft beschreiben zumeist nicht nur einen tatsächlichen Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft, sondern liefern auch politische Handlungsanleitungen mit, denn diese »wissensbasierten« Tätigkeiten werden zumeist auch als »höherwertig« beschrieben. Entsprechend wird es als Aufgabe der Politik dargestellt, diesen Wandel zu fördern.

Eines der fundamentalen Probleme des Begriffs ist allerdings, dass es keine handhabbare Definition von Wissen gibt. Am nächsten kam einer solchen der Soziologe Daniel Bell, der Anfang der 1970er Jahre in seinem Buch »Die Post-Industrielle Gesellschaft« darunter formal-wissenschaftliche Expertise verstand und konsequenterweise die Entstehung einer postideologischen, technokratisch verwalteten Gesellschaft voraussah beziehungsweise forderte. Damit einher ging nicht nur die Abwertung von manuell-produktiven Tätigkeiten, die zunehmend in Billiglohnländer ausgelagert werden sollten, sondern auch jene Tätigkeiten, die kommunikationsintensiv sind, aber nicht wissenschaftlich formalisiert werden konnten, etwa im Sozial-, Pflege- oder Bildungsbereich. Zusätzlich übersah der Fokus auf »höherwertige« Tätigkeiten im Dienstleistungssektor, dass gerade in diesem Bereich eine Dequalifizierung stattfand, welche auch dort die Entstehung eines neuen Niedriglohnsektors begünstigte.

Heute könnte sich der Fokus auf formalisierte Aspekte von Wissen und deren politische Privilegierung im informationellen Kapitalismus als eines der größten Probleme dieser Konzeptualisierung entpuppen. Denn genau jene Berufsfelder, die stark formalisiertes Wissen bearbeiten, sind heute besonders von der Automatisierung der kognitiven Arbeit, angetrieben durch Algorithmen, intelligente Software und Big Data, bedroht. Der so konzipierten Wissensgesellschaft drohen die Subjekte auszugehen, während immer mehr Menschen überflüssig erscheinen.

Stattdessen täte es not, den Begriff Wissen breiter zu fassen und auch alle Tätigkeiten einzuschließen, in denen implizit-situiertes Wissen eine wichtige Rolle spielt, etwa im Kultur-, Sozial- oder Gesundheitsbereich. Eine solchermaßen veränderte Perspektive würde einerseits den Gemeingut-Aspekt von Wissen besser sichtbar machen und anderseits zeigen, dass auch außerhalb der kapitalistischen Ökonomie sehr viel Wissensarbeit geleistet wird, etwa in unbezahlter oder freiwilliger Arbeit. (fs)

Zum Weiterlesen:

Bittlingmayer, Uwe H.: »Spätkapitalismus« oder »Wissensgesellschaft«?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 36/2001, S. 15–23, unter: www.bpb.de/files/Z32LKV.pdf.

Engelhardt, Anina/Kajetzke, Laura (Hrsg.): Handbuch Wissensgesellschaft. Theorien, Themen und Probleme, Bielefeld 2010.

Gorz, André: Welches Wissen? Welche Gesellschaft?, Beitrag zum Kongress »Gut zu Wissen« der Heinrich-Böll-Stiftung, Mai 2001, unter: https://is.gd/cHCrsW.

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