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Aus weißen Punkten werden Menschen

In dem Dokumentarfilm »Les Sauteurs« filmt ein Malier seine waghalsige Flucht in die spanische Exklave Melilla

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Zuerst ist da nur ein körniges Grau. Mondoberfläche könnte man denken. Dann kommen von rechts weiße Punkte ins Bild gelaufen. Was erst vier, fünf Flecke waren, wird zu einer Kette. Wie ein Ameisenstamm schlängeln sich die Menschen durchs Bild. Hier gibt es Leben. Wir sind ganz in der Nähe von Melilla, spanische Exklave an der nordafrikanischen Küste. Wärmebildkameras der Guarda Civil filmen den Berg Gurugú, ein Ort, der, optimistisch betrachtet, zum Hoffnungssymbol taugen würde, in Wahrheit aber nur die knallharte Realpolitik, Grenzsicherung und Abschottung der EU offenbart. Die weißen Punkte sind keine Menschen mehr, auf den Bildern werden sie zur Bedrohung.

Die beiden Dokumentarfilmer Moritz Siebert und Estephan Wagner sind nach Marokko gereist und haben etwas gewagt, das im Filmgeschäft wohl sehr selten ist. Sie gaben die Hoheit über ihr Werk fast komplett in die Hände eines ihnen völlig fremden Menschen. »Les Sauteurs - Those who jump« (in etwa »Die Springer«), erzählt die Geschichte von Abou Bakar Sidibé aus Mali. Viel mehr erzählt er sie uns. Abou ist einer von etwa 1000 Menschen, die in einem selbst verwalteten Camp in den Wäldern des Gurugú leben, ihr Blick, jederzeit auf das gerichtet, was sie Paradies nennen, obwohl sie wissen, dass es das nicht ist, aber irgendwie müssen sie ja gegen ihre Angst ankommen. Ein El Dorado, das ihnen, umzingelt von drei Schichten meterhoher Zäune, vom Berg aus zu Füßen liegt. Dort warten sie auf den einen glücklichen Moment, den entscheidenden Sprung in ein neues Leben.

Es gibt die, die im Camp ankommen, eine Nacht ausharren und es am nächsten Morgen schaffen und es gibt Abou, der aufgehört hat zu zählen, wie oft er es versucht hat. Seit 14 Monaten lebt er auf dem Berg, jedes Scheitern ist für ihn mehr Ansporn als Rückschlag.

Von Siebert und Wagner bekommt Abou Geld für die Kamera, die sie ihm in die Hand drücken, damit er sie nicht weiter verkauft. Abou fängt sofort an, seine Umgebung aufzunehmen. Siebert und Wagner, die anfangs noch glauben als Regisseure allein im Abspann zu erscheinen, merken schnell, dass den Film eigentlich ein anderer macht, denn Abou hat eine Mission, er will, dass die Welt sieht, dass man Menschen, die nichts zu verlieren haben, nicht aufhalten kann und seien die Mittel sie zu stoppen noch so perfide und erbarmungslos. Da brennen sie Löcher in Turnschuhe, stecken Nägel hinein, die im feinen Netz, das die spanischen Behörden vor die Zäune gespannt haben, Halt finden. Mehrmals in der Woche, manchmal zwei Mal täglich, fegt eine Razzia der marokkanischen Polizei durch das Lager. Zurück bleiben rauchende Ascheklumpen, die mal Hose oder T-Shirt waren und verwüstete Schlafplätze. Den Lebensmittelhändler filmt Abou dabei, wie er nach einem dieser Kahlschläge eine ganze Palette Eier aus einem Erdloch hervorholt, das mit Gestrüpp bedeckt war. Eier werden zur trotzigen Widerstandsmetapher. Schwer auszuhalten ist der Anruf bei den Eltern eines verstorbenen Freundes, dass ihr Sohn es nicht geschafft hat. Dann wieder ein Schnitt: ein Fußballspiel, Mali gegen die Elfenbeinküste. Ausgelassener Jubel beim Sieger. Oder Gespräche über Frauen, das Leben in Europa und dass die Haut »da drüben« von der Seife ganz weiß wird.

Abou filmt auch die machiavellischen Regeln des Campalltages. Die Kamera wird zum Schafott als ein Mann, der mit der Polizei geredet hat, vor ein Scherbengericht treten muss und des Camps verwiesen wird. Er soll direkt in die Linse gucken, sekundenlang, sodass sich jeder das Gesicht des Ausgestoßenen merken kann. Was anfangs noch nach herrschaftsfreier Selbstorganisation aussieht, entpuppt sich durch Abous Aufnahmen als hierarchisch organisierte Minigesellschaften nach Nationen getrennt, die sogar eigene Präsidenten und Minister haben, die die Koordination der »Sprünge« übernehmen. Zwischen die einzelnen Szenen schneiden Siebert und Wagner immer wieder Aufnahmen, die vom Subjektiven ins Abstrakte wechseln. Die Menschen in ihren bunten Fußballtrikots werden zu den weißen Punkten der Überwachungskameras. »Für die offizielle Seite ist nur ein leeres Bild ein richtiges Bild, falsch wird es erst, wenn Punkte darauf auftauchen«, sagt Moritz Siebert.

40 Stunden Material hat Abou ihm und Wagner überlassen. Die Speicherkarten schickte er alle paar Wochen nach Europa. Zu den Szenen spricht Abou in poetischen Reflexionen von der Bedeutung seines Weges nach Europa. Die Voice-Over hat er auf seinem Smartphone aufgenommen und sie den beiden Filmemachern gesendet. Wagner, der in Kopenhagen lebt und Siebert, der in Berlin wohnt, haben den Schnitt des Films über ein Chatprogramm abgesprochen, haben diskutiert, ob Gewalt in ihrem Film eine Rolle spielen soll.

Les Sauteurs ist mehr als ein Dokumentarfilm über Geflüchtete. Er zeigt, wie sich unser Blick auf die Welt in Zukunft verändern wird. Dass jeder zum Protagonisten taugt, ist normal geworden, dieser Film beweist: auch die Perspektiven werden unzählbar. Dank der Digitalisierung kann jeder von überall Material senden. Wenn es bisher hieß, nicht über, sondern mit Geflüchteten zu sprechen, würde helfen, dann ist es jetzt soweit, dass sie selbst erzählen. Dabei ist das kein Sprechenlassen mehr, sondern die Helden einer Geschichte konfrontieren uns mit einer grundlegend neuen Haltung. Ähnlich wie der vom WDR produzierte und preisgekrönte Dokumentarfilm MyEscape, in dem Geflüchtete ihre auf der Flucht gefilmten Videos selbst kommentieren, wird in Les Sauteurs der üblicherweise als Subjekt behandelte Mensch zum Herr über die eigene Geschichte. Am gestrigen Freitag hatte ein weiterer Dokumentarfilm in Berlin Premiere. In »Wir wollen nur in Frieden leben« des TV-Journalisten Stephan Faller erzählen Menschen von ihrer Flucht. Dagegengeschnitten, Absätze aus ihrem Asylbescheid oder Gesetzestexte.

Es wäre falsch, solche Filme mit dem zu oft verwendeten Attribut »authentisch« zu beschreiben, denn das sind sie zuweilen nicht. Abou will dem Zuschauer mitteilen: Seht her, hier sind wir und wir werden uns nicht aufhalten lassen. Wir sind schlau, wir sind zäh, wir sind witzig und ja, unter uns sind auch Idioten, dafür inszeniert er Szenen, die uns ein Bild vermitteln sollen. Einmal sagt Abou »Ich habe angefangen mich mit Bildern auszudrücken und ich fühle, dass ich existiere, wenn ich filme.«

Les Sauteurs folgt einem dokumentarischen Ansatz, der die klassische journalistische Arbeit ablehnt, oder zumindest in den Hintergrund stellt. Das ist für Formalisten nur schwer zu ertragen. Abou wägt nicht ab, lässt die Gegenseite nicht zu Wort kommen. Ob es zum Beispiel mit dem Hans-Joachim-Friedrich-Mantra vom Gemeinmachen mit einer Sache, auch mit einer Guten, vereinbar ist, dass der Kameramann den Camp-Verräter auffordert, direkt in die Kamera zu sehen und sich zu rechtfertigen, interessiert die Filmemacher nicht. Vieles erfahren wir nicht: Gibt es eine Rangordnung beim Stürmen des Zaunes, wer darf zuerst, wer muss warten? Was machen Familien mit kleinen Kindern, gibt es Korruption, wie leben die Frauen im Camp, gibt es sie überhaupt?

Dem Zuschauer wird kein ausbalanciertes Bild von der Welt präsentiert, Erklärungen bleiben aus, das muss man ertragen. Les Sauteurs gibt dafür Einblicke aus einer Erzählperspektive, die wir so noch nicht gesehen haben. Mehr Aufklärung ist wohl kaum denkbar.

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