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Wie schaffen wir das?

Der ehemalige TV-Journalist Wolfgang Herles über politischen Einfluss auf ARD und ZDF

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Herr Herles, kurz bevor Sie 2015 das ZDF verließen, veröffentlichten Sie das Buch »Die Gefallsüchtigen«, in dem Sie den Öffentlich-Rechtlichen Konformismus und Quoten-Fixierung vorwerfen. Wäre eine solche Veröffentlichung in Ihrer aktiven Zeit möglich gewesen?
Sie können als Angestellter nicht die Unternehmensphilosophie des Intendanten so fundamental kritisieren, wie ich es getan habe. Das Buch ist zwar getragen von Loyalität zum öffentlich-rechtlichen Auftrag, aber nicht von Loyalität gegenüber der gegenwärtigen Führung des ZDF. Die halte ich für katastrophal.

Und wenn man als Sender-Mitarbeiter Kritik an der Quoten-Fixierung übt?
Es ist heute leichter, im Vatikan mit einem Kardinal über die unbefleckte Empfängnis Marias zu diskutieren, als auf dem Lerchenberg über das Dogma der Quote. Ich habe Hunderte von Sitzungen erlebt, wo es nur um Zahlen ging. Wo man sich gegenseitig die Marktanteile vorliest und grübelt, warum bei Minute fünf die Quotenkurve einen Knick hat.

Sie haben lange Zeit die Sendung »Aspekte« moderiert …
Ich war zehn Jahre lang »Aspekte«-Redaktionsleiter, und die Arbeit bestand zehn Jahre lang darin, mich gegen Verschiebungen oder Ausfall der Sendung zur Wehr zu setzen, gegen die Missachtung und Geringschätzung der Kultur im öffentlich-rechtlichen Angebot. Thomas Bellut wollte für »Aspekte« einen späteren Sendeplatz, das bisschen Kultur im Hauptprogramm sollte immer weiter an den Rand gedrängt werden. Ich bin gegen die Verblödungsstrategien des öffentlich-rechtlichen Mediums. Dafür kriegen die nicht die Gebühren.

Spricht nicht die 2014 erfolgte Verlängerung der Sendezeit von 30 auf 45 Minuten dafür, dass das ZDF sich um Kultur bemüht?
Eine Täuschung! Die zusätzliche Zeit wird für Auftritte meist zweitklassiger Popbands vertan und für mehr Verpackungsmaterial - zwei Moderatoren, die sich unterhalten.

Sie wurden 1991 auf Betreiben von Helmut Kohl vom Posten des ZDF-Studioleiters in Bonn abgezogen. Halten Sie so einen Eingriff der Politik heute noch für möglich?
Es gab ja nach mir auch noch Fälle, wie wir bei Nikolaus Brender gesehen haben. Allerdings: Das System funktioniert dann perfekt, wenn es zu solchen Fällen gar nicht erst kommt, weil die Personalpolitik es verhindert und dementsprechend nur die »richtigen« Leute auf die Posten kommen.

Das heißt?
Es werden nicht unbedingt die besten Journalisten befördert, sondern diejenigen, die am besten in das Konzept des Konformismus passen.

Denken Sie, dass aktive Journalisten bei ARD und ZDF Angst um ihren Job haben, wenn sie Dinge tun, die nicht ins Konzept passen?
Aber natürlich. Es ist eine Angstkultur. Und das ganze wird durch die Quote scheinbar objektiviert. Es heißt dann nicht, »Sie passen uns nicht in den Kram«, sondern: »Die Leute wollen das nicht sehen.« Die Kollegen haben Angst davor, nicht mehr die Quotenvorgaben zu erfüllen. Deswegen kommen sie auch nicht mehr auf die Idee, vernünftige Themen zu wählen. Da läuft dann »Aldi gegen Lidl«, aber nicht China gegen Amerika im Pazifik.

Und Sie meinen, aus Angst, die eigene Position zu gefährden, trauen sich die Journalisten nicht, einen kritischen Kommentar abzugeben, oder kritische Fragen zu stellen?
Sie dürfen alles sagen, was in die Denkschemata passt. Solche Denkschemata werden zum Teil von der Politik vorgegeben. Nicht im Sinn eines Befehls, sondern man hält sich an das, was gerade Mainstream ist. Denkschemata wie »Putin ist schlecht« oder »Scheitert der Euro, scheitert Europa?«. Wenn Sie mit so einem Schema kommen, brauchen Sie gar nicht erst den Diskurs beginnen - der ist schon beendet.

Anfang 2016 sagten Sie in einem Deutschlandfunk-Gespräch, es gebe bei den Öffentlich-Rechtlichen »Anweisungen von oben« mit dem Ziel, dass die Berichterstattung »Europa und dem Gemeinwohl dient«. Gibt es in anderen Bereichen der Berichterstattung ebenfalls Anweisungen?
Heute würde der Chefredakteur oder Intendant wahrscheinlich keinen Brief schreiben, aber natürlich gibt es heute in Redaktionskonferenzen Äußerungen oder Aufforderungen, die lauten: Seid nicht nur objektiv, sachlich und wahrhaftig, sondern tut etwas für die gute Sache. »Wir schaffen das.« »Wir brauchen Europa.« »Einwanderung ist gut.« - Dem widerspreche ich gar nicht, ich bin nur dagegen, dass man bestimmte Formen der Kritik von vornherein ausschließt, weil sie nicht in die Stimmungslage passen.

Und Sie meinen, in Bezug auf »Wir schaffen das« gibt es im Sender Anweisungen wie: Wir unterstützen diesen Kurs?
Ja, selbstverständlich. Dazu gab es ja Shows, eine Willkommens-Show mit Johannes B. Kerner (»Deutschland hilft«), man hat sich dieses »Wir schaffen das« zu eigen gemacht. Als Journalist hätte mich interessiert: Wie schaffen wir das? - Aber das ist zunächst vollkommen ausgeblendet worden.

Im ZDF-Sommerinterview 2016 beispielsweise stellte Bettina Schausten der Kanzlerin kritische Fragen, auch zur Flüchtlingspolitik.
Ja. Wir sind jetzt ein Jahr weiter. Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Meine Beobachtung ist, dass sich die Medien der Stimmungslage im Land anpassen. Und weil sich die Stimmungslage verändert hat, verändert sich auch der Journalismus.

Kurze Zeit nach Ihrer Äußerung, es gebe »Anweisungen von oben«, erschien ein Interview mit Ihnen im »Freitag«, Zitat: »Da ist nichts von oben befohlen.«
Den Widerspruch kann ich ganz leicht auflösen: Es gibt keine Anweisungen aus dem Kanzleramt. Aber es gibt sehr wohl Druck aus dem eigenen Haus, aus der Hierarchie des eigenen Senders. Das ist ein großer Unterschied.

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