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Das Leben - das sind Minuten

Gedichte nach Julia Drunina von Frank Viehweg

  • Von Henry-Martin Klemt
  • Lesedauer: 4 Min.
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Einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt es für Julia Drunina (1924 bis 1991) noch nicht. Aber ein Himmelskörper wurde nach ihr benannt, der Asteroid 3804, ein Stern von kaum neun Kilometern Durchmesser, den die Astronomin Ljudmila Chernikh 1969 entdeckte. Zwei Jahre vorher berichtete »Neues Deutschland« von einer Lesung der russischen Dichterin und einiger ihrer Kollegen in der Berliner Stadtbibliothek. Auf der Litera-Produktion »Mitternachtstrolleybus« ist ihr Gedicht »Ich weiß nicht, wo ich Zärtlichkeit erlernte« zu hören. Einige Texte waren bereits seit 1963 in Übertragungen von Annemarie Bostroem, Helmut Preißler und Uwe Berger erschienen. Doch es verging fast ein halbes Jahrhundert, bis der poetische Schatz erneut gehoben wurde.


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* Frank Viehweg: Wer sagt, daß Don Quichotte gestorben wär? – Gedichte nach Julia Drunina. NORA Verlagsgemeinschaft. 115 S., br., 12 €.


Unter dem Titel »Wer sagt, daß Don Quichotte gestorben wär?« hat der Berliner Liederdichter Frank Viehweg knapp einhundert Gedichte nach Julia Drunina vorgelegt. Sie sind das Ergebnis einer mehr als drei Jahre währenden, intensiven Beschäftigung mit der Poesie der Lyrikerin, zu der Viehweg durch seine langjährige Begleiterin und Interlinearübersetzerin Olga Albrecht inspiriert wurde. In russischen Gedichtbänden und im Internet forschten die beiden den Spuren der Moskauerin nach, die seit ihrem elften Lebensjahr Verse verfasst hatte und später schrieb: »Das Schicksal ließ mich alles das erleiden / Was aus dem Menschen einen Menschen macht.« In ihren bewusst schlicht gehaltenen Versen blättert sich auch eine Lebensgeschichte auf, die ein junges Mädchen als Sanitäterin in den Krieg getrieben hatte, sie in der Perestroika in den Obersten Sowjet verschlug und sie beim Putsch von 1991 zu einer Verteidigerin der russischen Duma machte. Es ist auch eine Epochengeschichte, die für Drunina endete, als sie sich im November 1991 das Leben nahm.

Frank Viehweg pflegt seit Jahrzehnten ein inniges Verhältnis zur russischen Dichtung. Er hat Puschkin ebenso nachgedichtet wie den Rockpoeten Jurij Schewtschuk. Als Dichter leistet sich Viehweg den Luxus, sich ausschließlich solchen Werken zu widmen, in denen er eine Herzens- und Geistesverwandtschaft entdeckt. Er macht sich diese Werke zu eigen, weil sie schon zu ihm gehörten, als sie entstanden - allen lokalen und temporären Entfernungen zum Trotz. So darf man die Nachdichtungen des 56-Jährigen getrost auch als Selbstäußerungen eines Weltmenschen lesen, dessen Anempfindung keine Attitüde ist, sondern Arbeit gegen das Fremdsein und für die Nähe dessen, was zusammengehört.

»All das Leben besteht aus Minuten«, schreibt Julia Drunina, und so sammelt sie in ihren Gedichten Momente, unscheinbar und zumeist unpathetisch, manchmal getragen von aufblitzender, leiser Ironie. Eingewebt in die einfachen Strophen sind Erfahrungen: dass kein Mensch einem anderen etwas schuldig ist, dass wir das Wichtigste manchmal verlieren, ohne es selbst zu bemerken, dass wir dem Feind leichter verzeihen, was uns beim Freund unverzeihlich scheint. Aber auch - als aus dem Mädchen ein Soldat geworden war und aus dem Soldaten eine Frau - wie ein Geschoss überm Kopf den Schnee von den Zweigen schlägt, und lebenslang wird jeder Flockenfall daran erinnern.

Der Rückschau auf den Großen Vaterländischen Krieg entspringen die vielleicht sinnlichsten, genauesten Gedichte, die in dem Band zu finden sind. In ihrer existenziellen Dringlichkeit erinnern sie an den zwei Jahre jüngeren Semjon Gudsenko, und in ihrem Gestus des Bestanden- und Verstandenhabens an Nachgeborene wie Wladimir Wyssozki. Der Krieg benötigte ihr ganzes Leben. So sehr gebraucht fühlte sie sich nie wieder. Es liegt eine absurde Sehnsucht in dieser unablässig bedrohten Existenz an der Front: »Ein Ja heißt ja, ein Nein bedeutet nein.« Und es ist der Frieden, in dem die Jahre über die Dichterin hinfahren »wie die Panzer«.

Aber es gibt auch das große Liebesgedicht mit dem trotzigen »na und« des Herzens. Es gibt Abschiede, und es gibt ein Abschiednehmen, das sich über die Jahre erstreckt und die Überlebende zur letzten Verbindung zwischen Toten und Lebenden werden lässt. »Ist der Stolz einzig nur Attitüde? / Hat ein Arschkriecher wirklich Format? / Ich bin müde, so unendlich müde. / Überall triumphiert der Verrat«, gesteht Julia Drunina in einem ihrer späten Gedichte, und dass ihr die Kraft fehlt »zum Kampf und zum Gebet«.

Den Untergang der Sowjetunion erlebt sie als Untergang Russlands: »Das kann und will ich nicht sehn.« Die Welt aber, die sie verlässt, vertraut sie den Don Quichottes an, die weniger Erde am Stiefel tragen als sie.

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