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Die Suche nach dem wahren Leben

Eine würdevolle Erinnerung an Carola Neher - gefeiert auf der Bühne, gestorben im Gulag

  • Von Wladislaw Hedeler
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Die Regiebegabung von Reinhardt lag vor allem in seiner Originalität, in seiner lebhaften Fantasie, in seiner außergewöhnlichen Liebe zum Theater und in seiner unerschöpflichen Inspiration«, schrieb die Schauspielerin Carola Neher. Und über einen Kollegen des legendären Berliner Intendanten Max Reinhardt, der nicht minder legendär wurde: »Erwin Piscator ist ein Künstler des Intellekts, der sich von den ersten Tagen seiner Tätigkeit an bewusst in den Dienst des Proletariats gestellt hat.« Auch über einen ihrer Berufsgenossen ist sie voll des Lobes: »Bei Busch verwandeln sich die Gefühle in unerbittliche Anklagen, in Witz oder auch in böse Ironie und Pathos: in seiner beeindruckenden Entblößung der Lebenswahrheit. Seine Stimme ist stark und vielschichtig, sie klingt zuweilen wie ein alarmierendes, die Menschen zusammenrufendes Signal. Er hat viel Humor und Temperament. Jeder deutsche Arbeiter kennt und liebt Ernst Busch.«


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* Bettina Nir-Vered/ Reinhard Müller/ Irina Scherbakowa/ Olga Reznikova (Hg.): Carola Neher – gefeiert auf der Bühne, gestorben im Gulag. Lukas Verlag. 346 S., br., 24,90 €.


Diese Zitate finden sich in einem eine Ausstellung im Berliner Literaturhaus begleitenden und vertiefenden Band. Erstmals ist in diesem die künstlerische Karriere der Schauspielerin in Deutschland, ihr Exil in der UdSSR, die Verhaftung und Verurteilung sowie die Reaktion Bertolt Brechts auf ihr »Verschwinden« in aller Ausführlichkeit beschrieben. Carola Neher traf doppelte Verfolgung - unter Hitler und dann unter Stalin. Ein Schicksal, das sie mit Tausenden deutschen Antifaschisten teilte. Der diese Publikation besorgende Verlag nahm sich dieser großen Tragödie im »Zeitalter der Extreme« bereits 2013 mit dem Ausstellungskatalog »›Ich kam als Gast in euer Land gereist …‹ Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors« an.

In München erlebte die im Jahr 1900 geborene Karoline Neher die deutsche Novemberevolution und lernte Menschen kennen, die ihren Lebensweg auf Glück bringende wie auf fatale Weise beeinflussen sollten. Seit 1920 stand sie auf den Brettern, die ihr die Welt bedeuteten. Sie übernahm Rollen in Stücken von Brecht, Frank Wedekind und ihrem Lebensgefährten Klabund (Alfred Henschke). Es dauerte nicht lange, bis ihr namhafte Filmregisseure Angebote unterbreiteten.

Im Band erfährt man, dass der »Salonbolschewismus« mancher Intellektueller in der Weimarer Republik ihre Sache nicht war. Weil sie sich selbst ein Bild vom Leben in der Sowjetunion machen wollte, folgte sie ihrem Russischlehrer, dem Ingenieur und überzeugten Kommunisten Anatol Becker, in die UdSSR. Warnungen von Freunden, die von der Reise abrieten, schlug sie in den Wind. Ihr Aufbruch ins »Land der Träume« war auch eine Suche nach einer Verankerung in ihrem Leben. Doch warum verschwand sie im November 1933 über Nacht, ohne wenigstens ihre engsten Freunde zu informieren? Und warum meldete sie sich nicht nach ihrer Ankunft in Moskau?

Im Dezember 1934 kam ihr Sohn Georg zur Welt. Sie hatte andere Sorgen, als über die Ermordung von Kirow in Leningrad und den in der Sowjetunion beginnenden Terror nachzudenken. Und in eben jenem Jahr wurde Carola Neher von den Nazis ausgebürgert. Eine Rückkehr nach Deutschland kam nicht mehr in Frage. Einige Autoren vermuten, dass die Schauspielerin trotz mangelnder Rollen in der Sowjetunion blieb, weil die geringen Gagen in Prag oder Zürich nicht verlockend waren. Aber auch das Honorar für von ihr in der Illustrierten »Ogonjok« 1935/36 veröffentlichten Artikel über Theaterkünstler im Exil - aus denen eingangs zitiert wurde - war schnell aufgebraucht. Kein Wunder, dass die Spannungen in der Kleinfamilie Neher/Becker zunahmen.

Da die Künstlerin nicht der KPD angehörte, war von den Genossen in Moskau keine Hilfe zu erwarten. Ebenso wenig von Kollegen, von denen einige bereits verhaftet waren. Im Mai 1936 wurde ihr Mann »abgeholt« und am 25. Juni auch sie. Nach endlosen Verhören und absurden Beschuldigungen fällte das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR in einem Verfahren, das nur 25 Minuten dauerte, das Urteil: zehn Jahre Haft.

Aus den heute zugänglichen Dokumenten geht hervor, dass ihr die Auslandsreisen zum Verhängnis geworden sind. Sie wurde denunziert. Carola Neher soll in Prag Kontakte zu Trotzkisten geknüpft haben. Heute weiß man, wie haltlos solche Behauptungen waren. Sie haben einer talentierten, klugen und schönen Schauspielerin und Mutter das Leben gekostet.

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