Von Peter L. Zweig
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Was am Ende bleibt

Henning Mankell: Spannend ist sein letzter Roman und mehr als ein Krimi

Henning Mankells »Die schwedischen Gummistiefel« war der letzte Roman, der im Sommer 2015 noch zu Lebzeiten des berühmten Schriftstellers erschien. Mankell wusste bereits, dass er sterbenskrank war. Man kann das Buch, das nun auch in deutscher Sprache vorliegt, auch als eine Art Vermächtnis ansehen. Es knüpft locker an den Roman »Die italienischen Schuhe« von 2006 an; Hauptfigur ist wiederum der pensionierte Chirurg Fredrik Welin, der acht Jahre später noch immer allein in seinem Sommerhaus auf einer Schäreninsel vor der schwedischen Westküste lebt. Dort treibt ein Brandstifter sein Unwesen; eines Nachts wird Welins Haus angezündet und brennt nieder, danach bleiben ihm nur ein Wohnwagen, ein Zelt, das Boot und ein verkohlter Schuhspanner von den handgefertigten Halbschuhen des Meisters Giaconelli. Und ein Paar Gummistiefel, unverzichtbar im nasskalten schwedischen Herbst, konkret, aber nutzlos, denn es handelt sich um zwei linke Exemplare.


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* Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel. Roman. A. d. Schwed. v. Verena Reichel. Paul Zsolnay Verlag. 477 S., geb., 26 €.


Hier ist wieder Symbolik im Spiel. Standen die italienischen Schuhe für die Sehnsucht nach dem Fernen, Schönen, Sonnig-Harmonischen, so sollen die Stiefel wohl das Unbehagen am Angepasstsein, an der heimischen Realität verkörpern. Fredrik Welin ist nur scheinbar mit sich im Reinen - in diesen Stiefeln kann kein Mann sterben. Bevor er zum Räsonieren kommt, ziehen ihn die Ereignisse ins Leben zurück. Er wird selbst als Brandstifter verdächtigt; er verliebt sich in die viel jüngere Journalistin Lisa Modin, die auf eigene Faust ermittelt, und er folgt dem Hilferuf seiner rebellisch-unangepassten und nun schwangeren Tochter Louise, die in Paris wegen eines Taschendiebstahls inhaftiert ist. Dann brennt wieder ein Haus, der mysteriöse Täter hat noch nicht genug ...

Henning Mankell wollte es noch einmal besonders gut machen. Sein letzter Roman ist spannend wie ein Krimi und überrascht mit einer unerwarteten Auflösung. Doch eigentlich geht es um die großen Lebensfragen: Wie soll man sein Dasein gestalten, wie wichtig sind Liebe, Freundschaft und Familie, wie begegnet man der (manchmal selbst verschuldeten) Einsamkeit im Alter, wann wird es Zeit, loszulassen und etwas Neues anzufangen. Gelegentlich trägt der gelernte Dramatiker Mankell ein wenig zu dick auf, verliert sich in Rückblicken oder Reflexionen und verfällt bei den Dialogen in eine Art Bühnensprache. Doch er berührt den Leser in jedem Kapitel und entlässt ihn schließlich nachdenklich, aber nicht ohne Hoffnung: Auf dem Fundament des alten ist ein neues Haus gebaut, darunter liegt Giaconellis Schuhspanner begraben. Sein Stethoskop hat Welin ins Meer geworfen. Mit der Liebe wird es nichts mehr, aber Lisa Modin kann ja auch eine gute Freundin werden.

Und wenn mal niemand in der Nähe ist, bleiben die Erinnerungen: »Ich konnte schlicht und einfach nicht verstehen, warum ich nicht mit alten Freunden verkehren sollte, nur weil sie tot waren.« Endlich werden auch die bestellten Gummistiefel aus original schwedischer Produktion geliefert; Fredrik Welin ist nun gerüstet für den Herbst. Und das neue Haus hat auch Platz für die Tochter Louise und das Enkelkind.

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