Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Geheimnisvolle Spiele

Jirí Gruša: Erzählungen und Dramen als vierter Band einer Werkausgabe

Jiří Gruša, geboren 1938 in Pardubice, gestorben 2011 in Hannover, war ab 1989 Botschafter der Tschechischen Republik in Deutschland, von 1998 bis 2004 dann in Österreich. Seine literarischen Texte schrieb er sowohl in tschechischer als auch in deutscher Sprache.

Die zehnbändige Klagenfurter Werkausgabe versucht nun seit 2014 den literarischen Nachlass Grušas zu edieren. Soeben erschien der 4. Band »Erzählungen/Dramen« mit zwölf Prosastücken von 1965 bis 2011 sowie dem Drama »Elsa« (1967), das eine komplizierte Eltern-Kinder-Beziehung mit derben Dialogen zeigt. Nur weniges davon war bislang in deutscher Sprache zu lesen.

Grušas Erzählstil macht es einem nicht immer einfach. Wer auf eine stringente Handlung und klare Figurenzeichnungen hofft, wird enttäuscht sein. Seine Texte gleichen geheimnisvollen Spielereien, die teilweise surrealistisch anmuten. »Die Leseprobe« (1967) z.B. zeichnet protokollartig die Folgen des Selbstmordes eines Apothekers nach, der in einem Trauerspiel, das in der Theatergesellschaft auszugsweise verlesen wird, gewissermaßen die Motive für seinen Suizid offenbart. Was von den Zuhörern zunächst als »böse Tat« gebrandmarkt wird, mutiert am Ende als Aktion, die Beifall erhält.

»Verräter« (1965) sitzen zu viert in einer Zelle, und jeder von ihnen versucht, sich in den anderen hineinzuversetzen, wobei Geräusche ebenso wie die Stille jeweils eine Veränderung in der Gefühlslage der Beteiligten bewirken. In »Aus dem Roman ›Fragebogen‹« (1966) droht der kindliche Erzähler, sich aufzuhängen, aber bei jedem Versuch wird der Haken aus der Wand gerissen, das Vorhaben misslingt und endet mit der Bestrafung durch den Vater. Eine »Identitätsfindung« (1966) wird schwierig, weil nicht klar ist, mit wem der Tote identisch sein soll. In »Damengambit« (1972) wird von einem mysteriösen Austausch von Frauen-Bildern und realen Damenfiguren erzählt.

»Salamandra« (1982) schildert einen Traum, in dem es um die Frage geht, ob es einen Gott gibt, wobei das scheinbar Göttliche in obskuren Szenen absurdum geführt wird. Eine »Lebensversicherung« (1983) soll dem 41-jährigen Hagel aufgedrängt werden, was jedoch von ihm abgelehnt wird. Oder ist es ein Trugbild? In »Schwerer Dienst in N.« (80er Jahre) wird der »Detaillist« Prado erneut mit seinem Jugendfreund Julian konfrontiert, der ihm jetzt wie ein rätselhafter Spuk erscheint.

Der einzige Text aus der Zeit nach 1989 ist »Leben in Wahrheit oder Lügen aus Liebe« (2011). Orte und Zeit sind nun real. Die pubertäre Liebe zwischen Jiří und Hana, die bildhaft inszeniert wird, zerbricht scheinbar. Doch durch seine Lehrerin Vanessaund gewinnt Jiří ein neues Selbstwertgefühl ... Insgesamt bleibt ein Flimmern über den dargestellten Handlungen und Episoden, die oft zusammenhanglos daherkommen, aber irgendwie doch auf Geschlossenheit zielen. Versteckte und offene Sexualität sowie gedachter und vollzogener Selbstmord gehören zu den Besonderheiten dieser Texte. So kann man die noch ausstehenden sechs Bände mit Spannung erwarten.

Jiří Gruša: Erzählungen/Dramen. Band 4 der Werkausgabe. Hg. v. H. D. Zimmermann und Dalibor Dobiaš. Wieser Verlag. 310 S., geb., 21 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln