Von Hans-Dieter Schütt

Wie lange regnet es Hoffnung?

DDR-Dramatik am BE: »Vogtländische Trilogie« von Christian Martin

Im kleinen Rad beginnt der große Schwung. Der kleine Traum trägt das gesamte Leben. Der kleine Mann ermächtigt den allgewaltigen Geschichtemacher. An die engen Hirnwände stößt immer wieder eine weit ausgreifende Sehnsucht, aber wir bleiben doch Wesen des Begrenzten, des überschaubar Bebauten, der marginalen Übersicht - und nur im kleinen Kreis erfüllt sich der wahre Weltkreis. Was von uns ausgeschritten werden soll, erweist sich stets aufs Neue als jener Raum, in dem die meisten Kräfte draufgehen, ihn auszuhalten. So ist der Titel »Vogtländische Trilogie« mehr als eine regionale Zuweisung, auch wenn man im Text lokal bleibt und »mir« sagt, da man »wir« meint, oder »net«, wo es um ein »nicht« geht. »Traumreise Abseits Golan« heißen die Kapitel im Stück von Christian Martin, dem 1950 im Vogtland geborenen Autor, der an Theatern in den letzten Jahren vor allem mit Märchen hervortrat.

»Vogtländische Trilogie« entstand zwischen 1984 und 1990, nun fand die Szenenfolge Eingang in die bereits mehrjährige Lesereihe »DDR-Dramatik« am Berliner Ensemble (Leitung: Manfred Karge, Hermann Wündrich). Ein Erzähler (Uli Pleßmann) sowie das junge Paar Sandy und Andy (Marina Senckel und Raphael Dwinger). Hochzeitsreise (mit Reisegruppe) ans Schwarze Meer. Irgendwann der Ausstieg aus dem Altbau, der Aufstieg in den Plattenbau. Wo sie von Familie träumt, wünscht er sich ein Auto (»ein Kind, jetzt, wo wir erst am Anfang stehen?«). Ein Stück über die Banalität des Daseins, durch das Sandy und Andy gehen und tänzeln und nur sehr mählich entdecken, dass sie verhängnisvoll stürzen. Und noch im Sturz dies trotzige, traurige, törichte Festhalten an drei Strohhalmen: Glaube, Liebe, Hoffnung.

Zunächst meint man, an der Trivialität der knapp gehaltenen Dialogfetzen förmlich zu ersticken, aber durch diese nervende Alltäglichkeit sickert merklich die graue Lava eines wenig einladenden Gesellschaftsbildes. Grölende NVA-Soldaten auf Urlaub, die Warteschlangen beim Fleischer, das Traumbild vom Westen, Existenz als fortwährender Wartestand. Warten, worauf eigentlich? Und dann der Herbst 1989. Polizeiknüppel gegen Kerzen. Die Versprecher der lichten Zukunft als Verbrecher am eigenen Volk. Sandy, die Kirchgängerin, ist traumatisiert; Andy, der Kampfgruppler, stammelt sein Erschrecken. Im neuen Deutschland dann wieder Träume, wieder Glaube, Liebe, Hoffnung. Der Grenzenlosigkeit antwortet - die Arbeitslosigkeit.

»Es regnet Hoffnung«, hatte Sandy einmal gesagt, später spricht sie anders: »Es geht so viel kaputt, und mir merken’s net.« Und sie wird sich vorwarnend ein Messer an den Hals legen, fast schon zu allem entschlossen. Marina Senckel und Raphael Dwinger lesen, nein, auf ihren Stühlen sitzend, hält es sie nicht in Lesehaltung, sie spielen. Und zwar den Graben, den Autor Christian Martin zwischen beiden ausgehoben hat. Ein Abgrund, der nur immer tiefer wird, zwischen ihrer Seele und seiner Zunge. Sie die Sanfte mit der bitteren Erfahrung (etwa einer frühen Abtreibung) - er der Phrasenforsche aus dem sozialistischen Bilderbuch. Sie die inständig Suchende - er der laut krähende Findevogel, dem Bier und Fußball-WM schließlich über alles gehen und dessen Welt sich erschöpft im »Rammeln und Rummenigge«. Das ist grob, das ist ein früher Urteilsspruch über das Paar; und angesichts dessen ist es eine ehrenwerte Mühe, wie Dwinger diesem Gefühlsgeminderten wenigstens eine schöne, sympathische Verdutztheit mitgibt, ein tragfähiges schlaksiges Überfordertsein. Marina Senckel vollzieht den Auf- und Untergang ihrer Sandy im Lächeln, im Schwärmen, im Weinen, im Ausbrechen, im Zusammenfallen (das im Todessturz endet) wie einen leicht schwirrenden Traum.

Eine Mahn-Marginalie, dieses Stück. Träume sind uns so untreu, wie wir in ihnen. Wenn man selber nicht liebt, hat man nichts davon, geliebt zu werden. Zwei Menschen schaffen es einfach nicht mehr, die täglich eintreffenden Gemeinheiten so zu verarbeiten, dass sie einander noch wie Sorglose berühren und behandeln könnten.

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