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Ultras mit Feingefühl

Christoph Ruf über Rhetorikkünste, pietätvolle Fans und Politiker ohne Sachverstand

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Freiburgs Trainer Christian Streich hat am späten Freitagabend einen schönen Satz formuliert. »Mit unendlichen Möglichkeiten musst du erst mal Unendliches schaffen«, sagte er, nachdem die nicht eben unterfinanzierten Leipziger seine normalsterblichen Freiburger nach allen Regeln der Kunst zerlegt hatten.

Das war ein Satz, der nur im ersten Moment paradox klang. Denn tatsächlich gibt es ja im Lager der Traditionsvereine manchen Kandidaten, der zeigt, dass man mit viel Geld auch viel Mist machen kann. Der HSV hat nach dem 2:2 gegen Werder Bremen vier Punkte auf dem Konto - elf weniger als Freiburg. Gut investiert haben die Hamburger dennoch, allerdings offenbar außerhalb ihres Kerngeschäfts. Denn sowohl nach dem glücklichen 2:2 gegen Hoffenheim als auch nach dem ebenfalls remis ausgegangenen 90-minütigen Elend gegen die notleidenden Bremer hatten unbedarfte Zuhörer den Eindruck, als habe der HSV gerade Großartiges vollbracht. Wozu einen kostspielige Rhetorikschulung doch gut sein kann ...

Doch verlassen wir einmal die erste Liga mit ihren oft nur im realen Medientheater inszenierten Dramen und wenden uns dem echten Fußball zu. Dem, der in der Provinz spielt und nur allzu oft packender ist als all das, was Begegnungen wie Ingolstadt gegen Wolfsburg oder Köln gegen Augsburg weder versprechen noch halten. Im Südwesten der Republik elektrisierte am vergangenen Wochenende das Zweitliga-Derby zwischen Kaiserslautern und dem KSC die Massen (und die Polizei). Ein Sieg gegen den Rivalen bedeutet den Fans beider Vereine mehr als derer drei gegen Sandhausen, St. Pauli oder Dresden. Irrational? Nein, Fußball. Und mithin die logische Konsequenz all der Geschichten, die ältere Fußballfans jüngeren weitererzählen, wenn Vereine irgendwann im (vor-) vorigen Jahrhundert in einer schummrigen Kneipe in irgendeinem Vorort aus der Taufe gehoben wurden.

Schlimm ist es allerdings, wenn aus Rivalität Hass und aus Gefrotzel Totschlag wird. Insofern war es die mit Abstand beste Nachricht des Wochenendes, dass das Sachsen-Anhalt-Derby zwischen Magdeburg und Halle weitgehend friedlich blieb. Das lag sicher auch an einem Großaufgebot der Polizei, aber eben vor allem daran, dass die Ultraszenen beider Vereine beschlossen hatten, nach dem Tod des Magdeburger Fans Hannes S. nicht weiter an der Eskalationsschraube zu drehen.

Die Hallenser Ultras sind am Samstag zu Hause geblieben, beim Rückspiel werden es ihnen die Magdeburger nachtun. Eine pietätvolle Geste und der endgültige Beweis, dass all jene von Tuten, Blasen und Fußball keine Ahnung haben, die Ultras und Hooligans immer wieder in einen Topf werfen. Wer die krachlederne Erklärung der Magdeburger Hools gelesen hat, in der sie den Tod eines Menschen zur bedauernswerten Bagatelle erklären, die nicht zum »Trübsalblasen« führen dürfe, kann diese Gleichsetzung nur als Unverschämtheit empfinden.

Wenig hilfreich sind derweil die Beiträge, die die sachsen-anhaltinische Politik nach dem Tod von Hannes geliefert hat. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht fiel nichts Besseres ein als zu betonen, er wünsche sich bei Randalierern »mal eine Freiheitsstrafe auf Bewährung, auch wenn die nur für neun Monate ist«. Als sei es Sache der Politik, das Strafmaß für Sachbeschädigungen, Pyrotechnik oder Körperverletzung festzulegen. Auch die Kritik am Leiter des jüngst vom DFB ausgezeichneten HFC-Fanprojekts, Steffen Kluge, wirkt billig. In einer öffentlichen Sitzung der Beigeordnetenkonferenz der Stadt Halle hatte Kugler zunächst auf Fortschritte in der Fanarbeit hingewiesen - die Zahl der Gewalttaten ist nachweislich zurückgegangen - und betont, auch die Fansozialarbeit werde weiter engagiert am Ziel einer möglichst friedlichen Fankultur arbeiten. Weil Kluge aber auch den - von keinem Experten bestrittenen - Satz formulierte, dass es »eine Vision oder Träumerei ist, dass wir irgendwann mal eine völlig gewaltfreie Fankultur erreichen werden«, wurde ihm kaum verklausuliert fehlender Idealismus vorgeworfen. Das Ziel der Gewaltfreiheit sei nicht »illusionär« sondern »visionär«, fand der Leiter des Fachbereichs Sicherheit, Tobias Teschner, bei der Sitzung Ende Oktober.

Kluge an den Pranger zu stellen ist in etwa so absurd, als werfe man einem Streetworker im Frankfurter Bahnhofsviertel vor, er sei Schuld an der Drogenproblematik, wenn er behauptet, dass auch in zehn Jahren noch Menschen Drogen nehmen.

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