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Ein Panorama falscher Verhältnisse

Mario Pfeifers Videoarbeiten in Leipzig beschäftigen sich mit den Widersprüchen der Gesellschaft

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Die Videoarbeiten, die Mario Pfeifer für seine große Einzelausstellung in der Leipziger Galerie für zeitgenössische Kunst (GfZK) ausgewählt hat, verbindet eine Fülle an Momenten, an Dingen, die man in dieser Dichte eigentlich weder sehen noch hören möchte. Dabei steckt das wirklich Unangenehme, das eigentlich Gewalttätige weit hinter diesen Bildern: in den politischen und ökonomischen Grundfesten der Gesellschaften, die sie hervorgebracht haben. An Pfeifers Videos kann man die so entstehenden Antagonismen erkennen. Sein Interesse gilt vor allem solchen Momenten, in denen durch neue Situationen Konflikte entstehen. Die verlaufen häufig entlang ökonomischer oder machtpolitischer Linien. Die Orte, die Pfeifer für die Produktion seiner Filme besucht, sind vielfältig: Chile, Brasilien, Indien, USA, und, ja, auch Deutschland, speziell Sachsen.

Der 1981 in Dresden geborene Künstler stellt ganz grundsätzlich die Frage nach den Möglichkeiten von Kunst und Kultur zur politischen Aufklärung, etwa im Falle der sächsischen Pegida-Bewegung. Seit vielen Jahren beschäftigt sich Pfeifer, der in Leipzig, aber auch in Kalifornien an der Kunsthochschule studierte, mit solchen Fragen.

Im Eingangsbereich flimmern Parolen über den Boden: »Dresden: Explosion vor Moschee« - »Die Gesellschaft hat sich gespalten in ›Besorgte Bürger‹ und ›Gutmenschen‹«, »Die wirklich teuren Flüchtlinge sind die Steuerflüchtlinge«. Diese Sätze sind kein künstlerisches Statement - sie bilden zunächst einen Teil des Problems ab. Wen und was kann man z.B. mit einem antirassistischen Theaterstück in Bautzen erreichen? Pfeifer ist überzeugt, dass solche Art von Aufklärungskultur in erster Linie der Selbstbestätigung nutzt. Für seine Leipziger Ausstellung hat er eine Filmarbeit produziert. Schon der Titel ist unglaublich: »Über Angst und Bildung, Enttäuschung, Protest und Spaltung in Sachsen/Deutschland«.

Und da sitzt man dann zwischen zwei Leinwänden, auf denen ganz unterschiedliche Akteure sächsischer Lokalpolitik und Psychoökonomie im Wechsel 546 Minuten über ihre Sicht der Dinge darlegen - darunter ein Psychoanalytiker, eine Bürgermeisterin, ein Pegida-Aktivist und ein Gewerkschaftler. Es sind konträre Erklärungsansätze und Einschätzungen der politischen Situation im Freistaat. Sie sprechen über Lohnungleichheit, Erwerbsarmut, Abwanderung, Fremdenhass und Flüchtlingshilfe. Je länger die Protagonisten sprechen, je mehr versteht man ihren je eigenen seltsamen Kosmos - der jeder für sich von Grund auf falsch ist. Die Bürgermeisterin kann so wenig über ihre lokalpolitischen Sachzwänge hinaus, wie der Pegidist über sein Selbstverständnis als Opfer. In deren Mitte, kommt man sich beinahe so vor, als wäre man ihr aller Therapeut. Insgesamt ergibt sich aber ein recht vollständiges Panorama der falschen Verhältnisse. Dem beizuwohnen ist unangenehm, aber erhellend. Ob der Künstler das so intendiert hat, muss hier erst einmal keine Rolle spielen. Manchmal hat man den Eindruck, dass Pfeifer seine Videoarbeiten tatsächlich didaktisch denkt.

Der ebenfalls in diesem Jahr entstandene Film »Corpo Fechado« verfolgt ein gänzlich anderes Thema: die religiöse Vielfalt Brasiliens. Pfeifer stellt gemeinsam mit drei religiösen Führern deren spirituelle Welten vor. Alle propagieren eine je eigene Version von Erlösungsphantasie in der Hauptstadt dieses von Rassismus und extremen Klassenunterschieden zerrissenen Landes. Pfeifer visualisiert ihre Weltverbesserungsstrategien. Das fällt mitunter seltsam aus, wenn Cristovao Brilho etwa von den Energien des Weltalls berichtet, mit denen er gedenkt, die Menschheit zu heilen. Dazu inszeniert Pfeifer einen Flug durch das Weltall, vorbei an Sternenformationen und Planeten. Geerdet werden diese vermeintlich reinen und vollkommen geistigen Lehren dann in der Sphäre der Arbeit.

Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig, bis 8.1.17; www.gfzk.de

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