Wenn man unter Schmerzen schreibt

Ein editorisches Ereignis: Marcel Prousts Briefe in einer zweibändigen Ausgabe

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Zuletzt nahmen die Kräfte rapide ab. »Cher ami«, schrieb Marcel Proust im März 1921 an Francois Mauriac, »nicht wahr, Sie haben erraten, dass ich seit Ihrem Besuch schwer krank war.« Wochen danach, am 1. Mai, machte der Brief, den er schreiben wollte und den er schon im ersten Satz »ein wahres Martyrium« nannte, eine Spritze erforderlich, die dann aber auch nicht half. »Erschöpfung«, gestand er bald, »zwingt mich aufzuhören.« Er musste kapitulieren. Hunderte Briefe, klagte er, lägen inzwischen ungeöffnet auf dem Tisch. Die letzten Mühen galten seinem Roman, der »Recherche«, dem großen, am Ende siebenbändigen Epos »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«. Vollständig gedruckt hat er es nie gesehen. Er starb, einundfünfzig Jahre alt, im November 1922. Da waren die letzten Teile des Romanwerks noch nicht erschienen.

Proust, asthmakrank, von schweren Anfällen, Husten, Augenschmerzen und Schlaflosigkeit gepeinigt, dazu oft von Erkältungen und Fieber geschwächt, früh ans Bett gefesselt und manchmal tagelang »zur geringsten Bewegung unfähig«, hat mit der Außenwelt lange, beinahe vier Jahrzehnte lang, nur schriftlich verkehren können. Das erklärt die Unmasse von Briefen, die er schrieb und von denen der amerikanische Romanist Philip Kolb, der sein Leben buchstäblich Proust widmete, zwischen 1970 und 1993 über fünftausend, die er ausfindig machen konnte, in den einundzwanzig Bänden der Korrespondenz in Paris versammelt (und kommentiert) hat.

Einzelne Briefausgaben gab es schon früher, nach der gefeierten Übersetzung der »Recherche« durch Eva Rechel-Mertens (1953 bis 1957 bei Suhrkamp, 1974 bis 1976 bei Rütten & Loening) auch in der Bundesrepublik. Peter Suhrkamp, der 1953 in einem Aufsatz seinen Weg zu Proust beschrieb und sich mit Nachdruck für den Klassiker der Moderne einsetzte, hat auch für die Publikation der Briefe plädiert. Den Anfang machten, 1964 und 1969, zwei Bände, gegliedert in Briefe zum Werk und zum Leben, später erschien noch die von Philip Kolb betreute Korrespondenz des Schriftstellers mit seiner Mutter in der Bibliothek Suhrkamp.

Danach war der Briefschreiber lange kein Thema. Erst der Kölner Arzt Rainer Speck, der die größte private Proust- und auch Petrarca-Sammlung besitzt (und seit 2012 im eigenen Museum, der Bibliotheca Speck, ausstellt), hat nach einer Tagung der deutschen Proust-Gesellschaft, die 2007 dem Thema gewidmet war, 2009 in München und Köln Proust-Briefe gezeigt und die Exposition in einem fantastischen Katalog dokumentiert. Und nun folgt, wieder von Speck initiiert und finanziert, die bislang größte Edition der Korrespondenz, eine von Jürgen Ritte besorgte Ausgabe, fast tausendfünfhundert Seiten in zwei Bänden und bibliophiler Ausstattung, eine Sammlung so angemessen schön wie die schlanke, elegante Frankfurter Ausgabe der Werke. Die in Grün und Schwarz gehaltenen Ganzleinenbände stecken in einem attraktiven Schuber, der innen noch mit dem berühmten, 1892 entstandenen Proust-Porträt von Jacques-Émile Blanche geschmückt ist.

Es sind 572 Briefe, die in den Büchern stehen. Vorn ein Gruß des Achtjährigen an seinen Großvater, das erste bekannte Schreiben überhaupt, danach die Briefe des Schülers, Lektüreberichte, Nachrichten über Verdauungsprobleme, einen Bordellbesuch (für den der Vater zehn Francs spendete), die Bitte um einen Scheck. Manchmal fühlte er sich wohl, aber solchen Momenten folgten bald schon die Beschwerden. »Meine Gesundheit hat sich nach und nach bis ins Unerträgliche verschlechtert«, heißt es im November 1899, »und Tage, an denen ich nicht leide, sind eine große Seltenheit.«

Da schrieb einer, der unbedingt Schriftsteller werden wollte und den Plan mit Energie umsetzte, der bald schon kurze Prosastücke verfasste und sich einen großen Kreis von nahen und fernen Korrespondenzpartnern schuf, Freunden, Autoren, Kritikern. Seine Briefe, geistvoll, erzählfreudig, schmeichelnd, manchmal mit ironischen Übertreibungen durchsetzt, wollten nicht glänzen, sie strebten nicht nach literarischem Glanz und waren schon gar nicht für die Nachwelt gedacht. Im Gegenteil: Proust hatte Angst, sie könnten eines Tages, zwischen Buchdeckel gebracht, Intimes öffentlich machen, all das, was nur für den Adressaten bestimmt war. »Mir liegt daran«, schrieb er Anfang 1921 an die Herzogin von Clermont-Tonnerre, »dass keinerlei Briefwechsel mit mir aufbewahrt oder gar publiziert wird.«

Die Empfänger, ob vom Charme seiner Mitteilungen eingenommen oder früh überzeugt, einem ungewöhnlichen Autor zu begegnen, haben sich in den meisten Fällen nicht daran gehalten. Proust hat es geahnt. »Sie werden sehen, Céleste«, prophezeite er seiner Haushälterin Céleste Albaret, »kaum dass ich tot bin, werden sie alle meine Briefe veröffentlichen. Ich habe einen Fehler gemacht, ich habe zu viel geschrieben, viel zu viel.«

Über den Rang dieser Korrespondenz ist kontrovers geurteilt worden. Proust sei als Briefschreiber, so André Gide, »ein geschwätziges altes Weib«. Kritisch äußerte sich auch Walter Boehlich, der für Suhrkamp die »Briefe zum Werk« zusammenstellte. Jürgen Rittes Auswahl widerspricht. Sie zeigt einen Autor, der alles seinem Werk unterwarf und unter Aufbietung aller Kräfte versuchte, »so lange am Leben zu bleiben, bis es abgeschlossen ist«.

Am Ende konnte er sein Bett kaum noch verlassen. Er lag in seinem abgedunkelten Zimmer, das im Winter wegen seiner Atemnöte nicht beheizt werden durfte, und trieb nachts mit klammen Fingern den Roman voran. »Wenn man so unter Schmerzen schreibt«, erklärte er im Oktober 1918, »fehlt einem die Kraft, schnell zu schreiben, man schreibt tastend.« Die Briefe, für die er sich immer wieder Zeit nahm, mussten die Gespräche, die Unterhaltungen, auch die Unterhaltungen über Privates, den Austausch mit anderen ersetzen. Hier, nur hier kann man lesen, welch ungeheure Anstrengung nötig war, um »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, diese sieben Bände, zu bewältigen, der Erschöpfung zum Trotz; oder wie Proust sich etwa in den Jahren des Ersten Weltkriegs fühlte, abgeschnitten von den Tragödien ringsum, konfrontiert mit den Todesmeldungen in den Zeitungen, die er immer wieder kommentierte, angewiesen auf die Berichte anderer, gequält von »fürchterlichen Anfällen«, »worüber ich übrigens glücklich bin, denn wenn ich mir vorstelle, was die Soldaten alles zu ertragen haben, leide ich moralisch weniger darunter, dass ich verschont bin …«

»Lieber Freund«, endete Proust im Juni 1914 einen Brief an André Gide, »ich plaudere so gern mit Ihnen, dass ich mich überanstrenge …« So ging es ihm meist. Aber daran war er ja gewöhnt. Und so erzählte er in seiner Einsamkeit ausführlich von seinem Befinden, von Gehörtem und Gelesenem, seinen Überlegungen für den Roman, oder er klagte auch schon mal bei seinem Verleger Gallimard über Druckfehler, die nicht bemerkt wurden. Der letzte Brief, geschrieben wenige Tage vor seinem Tod, endet mit dem Satz: »Ich durchlebe zu finstere Tage.«

Die Bände lassen keine Wünsche offen. Alle Briefe, auch die bekannten wurden neu übersetzt und ausführlich kommentiert, darunter sind auch Schreiben aus der Sammlung Rainer Specks, die in den französischen Ausgaben fehlen. Und am Schluss gibt es ausführliche Informationen über alle Korrespondenzpartner Prousts. Besser, gründlicher, leserfreundlicher kann man es nicht machen.

Marcel Proust: Briefe 1879 - 1922. Zwei Bände. Herausgegeben, ausgewählt und kommentiert von Jürgen Ritte. Suhrkamp Verlag, 1479 S., geb., 78 €..

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