Von Hendrik Lasch, Menz
29.11.2016

Im Osten bleibt der Bauer ein Genosse

Die Agrargenossenschaften waren in den neuen Bundesländern nicht 
immer beliebt, haben sich aber bewährt

Rund 900 Agrargenossenschaften g...
Rund 900 Agrargenossenschaften gibt es in Ostdeutschland, im Bild ein Feld der Marktfrucht Lützow.

Die Ernte ist fast in der Scheuer. In langen Reihen und hoch aufgetürmt liegen die Zuckerrüben an den Feldrainen bei Menz. Es sind die einzigen Erhebungen im platten Land östlich der Elbe, wo sich fruchtbarer Acker mit dürrem Sand abwechselt. Kein Vergleich mit dem fetten Boden der Börde, sagt Eberhard Schopp. Dort sei die Erde so ertragreich, dass ein Bauer nur das halbe Jahr arbeiten muss, stichelt er. Macht nichts: Schopp liebt seinen Beruf, und er macht etwas aus jedem Boden. Roggen und Weizen, Kartoffeln, Mais, Rüben. 235 Mutterkühe stehen im Stall. Der Betrieb gehört ihm indes nicht alleine, er hat ein Dutzend Eigentümer: die Buchhalterin, den Chef der Tierproduktion, den Werkstattmeister, aber auch einen Bauern, der im Kuhstall arbeitet und ein Künstler ist, wenn es um schwere Kälbergeburten geht.

Das Agrarunternehmen Menz, wie es offiziell heißt, ist eine Genossenschaft - und dass es eine solche bleiben würde, stand nie in Zweifel. Als sich Ende 1991 die in der DDR gegründeten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) einem Gesetz zufolge auflösen und neu gründen mussten, riet ausgerechnet ein Genossenschaftsverband in Hannover zwar energisch ab: »Die haben uns aus der Tür gelobt«, sagt Schopp. Im Westen der Republik bilden Bauern bis heute Genossenschaften, um sich Maschinen teilen oder Milch besser vermarkten zu können; die gemeinsame Produktion war und ist unbekannt. Schopp schlug seinen Mitstreitern dennoch vor, als Genossenschaft weiterzumachen: Er wollte »die anderen nicht im Stich lassen«.

Dabei ist Eberhard Schopp wahrlich nicht in eine Familie überzeugter Genossenschaftsbauern hineingeboren. Einer seiner Großväter bekam im März 1953 quasi die Pistole auf die Brust gesetzt. Er solle seine 25 Hektar am nächsten Morgen in die LPG überführen oder würde vom Hof vertrieben wie fünf Bauern am gleichen Tag: »Das war nicht freiwillig.« Sein anderer Großvater übergab den Betrieb früh an Schopps Vater, der erfolgreich allein wirtschaftete und kollektiver Betriebsführung misstraute: »Bauern sind oft eher schlechte Kameraden«, sagt Schopp - was heißt: Sie arbeiten lieber allein. Später tat er sich mit drei anderen Landwirten zusammen; erst 1966 ging er in die »große« LPG. Der Druck auf verbliebene Einzelbauern hatte sich erhöht, und er sei froh gewesen, »nicht enteignet worden zu sein«, sagt Schopp.

Das zunächst ungeliebte Modell offenbarte indes Vorteile. »Auf einmal konnten die Eltern Urlaub machen«, sagt er. Zudem gab es fortan fundierte fachliche Fortbildung; die sprichwörtlichen »dummen Bauern«, an deren Bildung die Familie sparte, weil sie ja schon das Land erhielten, waren passé. Der Bauernsohn Schopp studierte an der landwirtschaftlichen Fakultät der Uni Halle - die, wie er anmerkt, inzwischen abgewickelt ist.

Die Genossenschaft, in die Schopp 1986 als Absolvent kam, war alles andere als ein Vorzeigebetrieb. Riesige 5000 Hektar, große Verwaltung samt Jugendarbeit und Frauenausschuss - »aber kein Benzin, um auf den Acker zu fahren«. Heute bewirtschaftet der Betrieb in Menz knapp 2000 Hektar mit 21 Arbeitskräften. Im Hof steht zwischen neuen Hallen eine Flotte moderner Traktoren und Erntemaschinen. Am Jahresende wird regelmäßig Gewinn verteilt: an Mitglieder, Mitarbeiter und Landverpächter.

Wird Schopp gefragt, warum man sich 1991 für die Genossenschaft entschieden hat, sagt er, die Unternehmensform sei »einfach zu handhaben« - anders als eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, in die man »hineinkommt wie bei einer Hochzeit, aber herauskommt nur mit Knüppel und Scheidung«. Er spricht aber auch vom guten Gefühl, »etwas gemeinsam erreichen zu können, was man allein nicht schafft«.

Ist also der Agrarbetrieb Menz eine Kooperative, in der sie in großer Runde abstimmen, ob die Kartoffeln geerntet werden sollen? Schopp lächelt und zitiert ein Bonmot: Eine Genossenschaft, besagt es, sei gut, weil »jeder eine Stimme hat, aber nur einer das Sagen«. Einer führt das Tagesgeschäft, nämlich Schopp. Wenn aber große Entscheidungen anstehen, reden alle Genossenschaftsmitglieder völlig gleichberechtigt mit: ein Mann, eine Frau - eine Stimme.

Es hat also Vorteile, Mitglied zu werden - wobei es nicht so ist, dass Interessenten einfach das Geld für die Anteile auf den Tisch legen. »Wir gucken uns die Leute aus«, sagt Schopp, »und prüfen, ob das mit der Zusammenarbeit passt.« Das könne schon mal zehn Jahre dauern. Dass jemand nur wegen der Dividende kommt, ist nicht gern gesehen. Wobei die Motive für den Eintritt durchaus unterschiedlich seien: Einer der Menzer Genossen hält die Anteile für seinen Sohn, einer trat aus Überzeugung ein, weil die Vorfahren in der Genossenschaft waren, einem half seine Mitgliedschaft bei der Genehmigung eines Hausbaus. Und einer »freut sich, wenn er zu der Runde gehört, in der die Entscheidungen fallen«.

Schopp würde die Bindung an den Betrieb gern weiter vertiefen - mit einem Mittel, das für Bauern seit jeher zugkräftig ist: Bodenbesitz. Das aber ist für Genossenschafter ein Problem. Das Grundstücksverkehrsgesetz zählt sie nicht zu den Landwirten; sie dürfen daher keinen Acker kaufen, um ihn dann in die Genossenschaft einzubringen - anders als der Betrieb als Ganzes. Miteigentümer einer Genossenschaft seien aber nicht bloß Landarbeiter, sondern echte Bauern, sagt Schopp. Der Unterschied ist - Landbesitz. Auch zögen Genossenschaften, die ja schon viel Fläche besitzen, bei Verkäufen oft den Kürzeren; Einzelmitglieder hätten bessere Aussichten. Und Acker ist für Bauern eine Rentenversicherung: »Pachterlöse sind besser als ein Riestervertrag.«

Schopp ist überzeugt, dass die Regelung ins Gesetz kam, um Genossenschaften zu benachteiligen. Es ist nur ein Indiz dafür, dass diese spezifisch ostdeutsche Form der Agrarbetriebe noch immer gegen Widerstände anzukämpfen hat; Brüsseler Regelungen zur Deckelung von Beihilfen galten als weiteres Beispiel. Dennoch ist die Idee lebendig: 1991 gingen 1500 Agrargenossenschaften an den Start, jetzt liegt die Zahl bei 900. Viele Betriebe halten ihre Dörfer am Leben. In Menz kümmert man sich um Winterdienst und Weihnachtsbaum, unterstützt Feuerwehr und Sportverein. Der Verkauf der Einkellerkartoffeln ist ein gesellschaftliches Ereignis weit über Menz hinaus.

Viele Agrargenossenschaften feiern dieser Tage mit Blick auf die Neugründung 1991 ihr 25-jähriges Jubiläum. Schopp war ein anderes Jubiläum wichtiger. Ohne Vorgeschichte in der DDR, sagt er, gäbe es die heutigen Betriebe nicht. Groß gefeiert wurde in Menz deshalb 2012: Da waren es 60 Jahre seit Gründung der LPG. 2000 Gäste sahen Vorführungen von Maschinen und Technik: »Die Leute haben ja oft gar keine Vorstellung mehr, wie Landwirtschaft abläuft, und können Mähdrescher nicht von der Strohpresse unterscheiden«, sagt er. Ihr erfolgreiches Vierteljahrhundert feiern die Genossen Bauern demnächst allein: mit einem Besuch in der Semperoper Dresden - und im Genossenschaftsmuseum Delitzsch.

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