Von Kurt Stenger
29.11.2016

Mitgliedernutzen statt Arbeiterselbstverwaltung

Die traditionelle Genossenschaftsbewegung in Deutschland ist eher bürgerlich

Ob man es glaubt oder nicht: Auc...
Ob man es glaubt oder nicht: Auch Deutschlands Nummmer eins im Einzelhandel ist eine Genossenschaft.

Der Begriff klingt nach alternativem Wirtschaften und gezähmtem Kapitalismus - doch Beschäftigte wissen es oft besser. »Genossenschaftsbanken sind einerseits gute Banken, die traditionelles Geschäft machen - andererseits gehen viele mit Beschäftigten ruppig um«, klagte ver.di-Sekretär Mark Roach schon vor einigen Jahren. Seit 2013 gibt es keinen Tarifvertrag der Volks- und Raiffeisenbanken mit ver.di mehr, sondern nur mit »gelben« Gewerkschaften wie dem DBV. Die Löhne seien deutlich schlechter als bei privaten Banken - besonders auf dem Land.

Edeka: Konglomerat der Kaufleute

350.000 Mitarbeiter, fast 50 Milliarden Euro Umsatz, mit über 11.000 Verkaufsstellen Marktführer im deutschen Einzelhandel - ein Riese wie Edeka ist selten im Genossenschaftswesen. Los ging es 1898, als sich 21 Kaufleute zur »Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin« (E.d.K.) zusammenschlossen.

Schlechtere Arbeitsbedingungen als bei der Konkurrenz werden auch einem anderen Genossenschaftsriesen vorgeworfen. Vor einigen Jahren enthüllte der NDR Lohndumping, Angst und mobbingähnliche Zustände in einigen Märkten von Edeka. Kollegen würden wegen des hohen Drucks keine Pausen mehr machen, klagte eine Betriebsrätin. Mitarbeiter würden in vielen Fällen lediglich die Hälfte des im Einzelhandel geltenden Tariflohns erhalten. Während die Konzernzentrale Tariflöhne zahlt, befinden sich die Arbeitsbedingungen schnell in einer Abwärtsspirale, sobald private Kaufleute, die Genossen, einen Edeka-Markt übernehmen. Oft existiert nicht einmal ein Betriebsrat.

Ob Karl Marx so etwas schon geahnt hat? Er hegte zwar gewisse Sympathien für die Genossenschaftsbewegung, aber nur für Produktivgenossenschaften. So schrieb er im 3. Band des Kapitals, wie Aktienunternehmen seien Kooperativfabriken »als Übergangsformen aus der kapitalistischen Produktionsweise in die kommunistische zu betrachten«. Allerdings würden sie »in ihrer wirklichen Organisation alle Mängel des bestehenden Systems reproduzieren und reproduzieren müssen«. Ohnehin hielt Marx Systemveränderungen für zentral, nicht Alternativen im System.

Dazu muss man wissen, dass im deutschsprachigen Raum die Genossenschaftsbewegung im 19. Jahrhundert in Abgrenzung zur Arbeiterbewegung entstand. Den liberal-konservativen Erfindern ging es nicht etwa um Selbstverwaltung der Produzenten oder um Gemeinnutzen, sondern um den Vorteil für die meist bürgerlichen Nutzer oder Mitglieder. Ziel war etwa, billiger einzukaufen oder sich einen unternehmerischen Vorteil im Konkurrenzkampf zu verschaffen. »Die Ideologie dieser Genossenschaften klebt an der Marktwirtschaft«, meint Kooperativenexperte Werner Ruhoff. Sie müssten sich dessen Anpassungszwängen unterwerfen.

Genossenschaften sind Unternehmen, die eine besondere Rechtsform gewählt haben, bei der man kein hohes Mindestkapital braucht, nur mit seinem Anteil haftet und kaum Kon᠆trollen unterliegt. Details regelt das Genossenschaftsgesetz (Ursprung 1867 in Preußen). Beschäftigte sind demnach »fremde Lohnangestellte«, weshalb die Trennung von Arbeit und Produktionseigentum im Wesentlichen bestehen bleibt. Auch schreibt das Gesetz hierarchische Strukturen wie in der Aktiengesellschaft vor. Zwar gibt es das Demokratieprinzip (ein Genosse, eine Stimme), das laut Ruhoff aber ausgehebelt wird durch hierarchische und informelle Führungspersonalentscheidungen. Vor allem ab einer bestimmten Größenordnung bekämen die Leitungsgremien ein Übergewicht gegenüber den Genossen - Demokratie werde zur Formalie.

Auch arbeiten Genossenschaften entgegen ihrem Ruf durchaus profitorientiert, schon um in die künftige Expansion investieren zu können. Hauptzweck sind die Vorteile der Genossen, an die der Gewinn in Dividendenform ausgeschüttet wird. Auch deshalb arbeiten linke Projekte oder Unternehmungen der Solidarischen Ökonomie wie Umsonstläden oder Handwerkskollektive meist nicht unter der Rechtsform der eG.

Weit verbreitet sind in Deutschland die der Arbeiterbewegung entsprungenen Wohnungsbaugenossenschaften mit ihren mehr als drei Millionen Mitgliedern. Sie seien eigentlich »ein Garant für gutes, sicheres und bezahlbares Wohnen«, schreibt der Berliner Mieterverein. Doch bei ihm häufen sich Beschwerden über rüden Umgangston. Auch gehe der Trend seit Jahren zu Mieterhöhungen, die sich an der allgemeinen Preisentwicklung orientierten. Auf den Vorwurf mancher Mieter, teure Sanierungen ohne Mitgliederversammlung zu beschließen, reagierte Barbara Neumann-Cosel vom Genossenschaftsforum wie folgt: »In der über 100-jährigen Geschichte der Genossenschaften war das Hauptanliegen immer qualitativ gutes Wohnen. Gebaut wurde nicht für ganz Arme, eher für die gehobene Facharbeiterschicht.«

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