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»Wir kommen nicht vor«

Gottfried Fischborn: Leben und Kunst, Privates und Weltgeschichte fließen in seinen Notizen ineinander

  • Von Karin Schmidt-Feister
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Wirklich, wir finden uns nicht wieder so, wie wir dachten und fühlten und heute denken und fühlen, da wir viel dazugelernt und das Urteil der Geschichte gründlich bedacht haben«, notiert Gottfried Fischborn am 20. Mai 2014 und zitiert Volker Braun: »in fünfzig jahren werden die archäologen nach uns graben.«

In Form eines Tagebuch-Blogs von Mai 2014 bis Mai 2015 beschreibt, analysiert der 78-jährige Autor seine Erfahrungen. Er gräbt tief, sprachlich präzise und meinungsstark nach dem eigenen Gewordensein. Überblendet mit aktuellen Zitaten aus Tageszeitungen, Fachzeitschriften, Briefen, Publikationen, fließen Leben und Kunst, Privates und Weltgeschichte ineinander.

Gottfried Fischborn, geboren 1936, aufgewachsen in Oschatz, war einer der führenden Theaterwissenschaftler der DDR, lange an der Leipziger Theaterhochschule »Hans Otto« tätig, nach deren Abwicklung seit 1992 an der Universität Leipzig sowie Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut. Seit 2001 leitet er Internetkurse zum szenischen Schreiben.

»Wir kommen nicht vor. Unseresgleichen erkennt sich nirgendwo in der Literatur, im Film, in all den Fernseh-Dokumentationen und Talkshows, in den Zeitungen, im öffentlichen Diskurs insgesamt.« Damit spricht der Autor einer großen Zahl ehemaliger DDR-Bewohner aus dem Herzen, »Menschen, die das Land aus Überzeugung mit auf- und ausgebaut haben, die sich der sozialistischen Idee verpflichtet fühlten (und zumeist noch heute verpflichtet fühlen) und lange daran glaubten, zumindest ›im Prinzip‹ werde sie in der DDR verwirklicht. Die versuchten, trotzdem keine Dogmatiker zu sein, vielmehr - in der Regel trotz zunehmender Irritationen und Zweifel! - sich als kritische Patrioten zu verstehen, die auch die unkritisch-hemmungslose Hingabe ihrer Jugendjahre hinterfragen.«

Gottfried Fischborn geht es darum »die Geschichte der DDR aus ihren eigenen - inneren und äußeren - Widersprüchen heraus zu begreifen, ihre zunächst gegebene, relative historische Legitimation nicht schlechthin abzuleugnen«. Er schreibt wider dominante Sichtweisen, gegen bewusst geschürte »Ostalgie«, die dieses Denken »neutralisiert«. Meinungsstark und spannend ist seine Verteidigung des Realismus in der Kunst, einer Sicht, »von der wir uns als ehemalige DDR-Kulturintellektuelle nicht trennen können. Und - machen wir’s uns bewußt! - auch nicht trennen wollen.«

Der fast 80-Jährige eröffnet dem Leser Gedankenräume. Selbstbefragung als Zeiterfahrung. Streitbar, klarsichtig, argumentativ, tastend, forschend. Die Pluralität der Meinungen, divergierende gesellschaftliche Prozesse und Umbrüche schreibend zu begreifen und dabei die eigenen Überzeugungen zu entwickeln, bedeutet für Gottfried Fischborn ein erfülltes Leben im Wandel. In seinen intensiven und aufregenden Exkursen verknüpft er Fußball-WM, Nachkriegskindheit, Familie, Freundeskreis, Ukrainekrise, die Entwicklung seiner Wissenschaft, Terror und Krieg, das emanzipatorische und das übergroße »wölfische Ich«. Gottfried Fischborns verzahnt Erinnerungsarbeit und Geschichtsutopie und polemisiert in Verantwortung für die nachwachsende Generation gegen eine Simplifizierung der Geschichte.

Gottfried Fischborn. Vorkommen. Vor kommen - Ein Jahr Lebenszeit. Schkeuditzer Buchverlag. 364 S., br., 15 €.

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