»Wir kommen nicht vor«

Gottfried Fischborn: Leben und Kunst, Privates und Weltgeschichte fließen in seinen Notizen ineinander

  • Von Karin Schmidt-Feister
  • Lesedauer: 3 Min.
Sie haben die Wahl. Im Wahllokal und bei ihrer Lieblingszeitung. Damit das so bleibt: Linken Journalismus bitte bezahlen!
Kampf ohne Machtbekenntnis

Was soll das hier?

Linker Journalismus – das ist der Luxus, zur Bundestagswahl nicht nur die überall gleichen Agenturmeldungen zu lesen, sondern das Koalitionsgerangel aus einer linken Perspektive kritisch zu beobachten und zu beurteilen. Wir zahlen Reportern einen korrekten Lohn, recherchieren aufwendig für profunde Hintergründe, sprechen mit unabhängigen Experten. Das alles kostet Geld. Wenn Ihre persönliche Lage es zulässt, freuen wir uns deshalb, wenn Sie die Lektüre dieses Textes mit einem frei gewählten Obolus honorieren – oder unser Blatt gleich gedruckt oder online abonnieren!

  • Wählen Sie ein Abo:

    • Online-Abo
    • Kombi-Abo
    • Print-Abo
    • App-Abo
    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit dem Online-Abo erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln in elektronischer Form auf unserer Webseite und dazu das nd-ePaper. Zum Online-Abo
    Mobil, kritisch und mit Links informiert:
    neues deutschland als ePaper – und am Wochenende im Briefkasten!
    Prämie: Das nd-Frühstücksbrettchen. Der Wegbegleiter für den Start in den Tag.
    Zum Kombi-Abo

    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit der nd-App erhalten Sie Zugang zur Zeitung in elektronischer Form als App optimiert für Smartphone und Tablet.

    Die nd-App gibt es für iOs und Android.

    Zum App-Abo
  • Per Überweisung:

    Stichwort: nd-paywall

    Berliner Bank
    IBAN: DE11 1007 0848 0525 9502 04
    SWIFT-CODE (BIC): DEUTDEDB110

    Per Paypal

    PayPal

    Per Sofortüberweisung

    Sofortüberweisung

    Ich habe bezahlt.

  • Ich beteilige mich mit einer regelmäßigen Zahlung

    Wir freuen uns sehr, dass Sie zu dem Entschluss gekommen sind: Qualitätsjournalismus zur Stärkung einer Gegenöffentlichkeit von links ist mir etwas wert!

    Mit ihrem solidarischen Beitrag unterstützen Sie linken unabhängigen Qualitätsjournalismus. Und: Sie unterstützen die Menschen, die sich selbst ein Abo nicht leisten können. Wir sind der Ansicht, dass Journalismus für möglichst alle zugänglich sein soll – deshalb bieten wir einen großen Teil unserer Artikel gratis zum Lesen und teilen im Netz an. Aber nur Dank der Abonnements und Zahlungen vieler Leserinnen und Leser können wir jeden Tag eine Zeitung produzieren: Gedruckt, als Onlineausgabe und als App.

    Turnus

    Minimum 5 Euro/Monat

    Meine Bankdaten

    Persönliche Angaben

    *Pflichtfelder
     
     
  • Ich bin schon Abonnent
    Login

    Passwort vergessen?

  • Jetzt nicht ...

»Wirklich, wir finden uns nicht wieder so, wie wir dachten und fühlten und heute denken und fühlen, da wir viel dazugelernt und das Urteil der Geschichte gründlich bedacht haben«, notiert Gottfried Fischborn am 20. Mai 2014 und zitiert Volker Braun: »in fünfzig jahren werden die archäologen nach uns graben.«

In Form eines Tagebuch-Blogs von Mai 2014 bis Mai 2015 beschreibt, analysiert der 78-jährige Autor seine Erfahrungen. Er gräbt tief, sprachlich präzise und meinungsstark nach dem eigenen Gewordensein. Überblendet mit aktuellen Zitaten aus Tageszeitungen, Fachzeitschriften, Briefen, Publikationen, fließen Leben und Kunst, Privates und Weltgeschichte ineinander.

Gottfried Fischborn, geboren 1936, aufgewachsen in Oschatz, war einer der führenden Theaterwissenschaftler der DDR, lange an der Leipziger Theaterhochschule »Hans Otto« tätig, nach deren Abwicklung seit 1992 an der Universität Leipzig sowie Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut. Seit 2001 leitet er Internetkurse zum szenischen Schreiben.

»Wir kommen nicht vor. Unseresgleichen erkennt sich nirgendwo in der Literatur, im Film, in all den Fernseh-Dokumentationen und Talkshows, in den Zeitungen, im öffentlichen Diskurs insgesamt.« Damit spricht der Autor einer großen Zahl ehemaliger DDR-Bewohner aus dem Herzen, »Menschen, die das Land aus Überzeugung mit auf- und ausgebaut haben, die sich der sozialistischen Idee verpflichtet fühlten (und zumeist noch heute verpflichtet fühlen) und lange daran glaubten, zumindest ›im Prinzip‹ werde sie in der DDR verwirklicht. Die versuchten, trotzdem keine Dogmatiker zu sein, vielmehr - in der Regel trotz zunehmender Irritationen und Zweifel! - sich als kritische Patrioten zu verstehen, die auch die unkritisch-hemmungslose Hingabe ihrer Jugendjahre hinterfragen.«

Gottfried Fischborn geht es darum »die Geschichte der DDR aus ihren eigenen - inneren und äußeren - Widersprüchen heraus zu begreifen, ihre zunächst gegebene, relative historische Legitimation nicht schlechthin abzuleugnen«. Er schreibt wider dominante Sichtweisen, gegen bewusst geschürte »Ostalgie«, die dieses Denken »neutralisiert«. Meinungsstark und spannend ist seine Verteidigung des Realismus in der Kunst, einer Sicht, »von der wir uns als ehemalige DDR-Kulturintellektuelle nicht trennen können. Und - machen wir’s uns bewußt! - auch nicht trennen wollen.«

Der fast 80-Jährige eröffnet dem Leser Gedankenräume. Selbstbefragung als Zeiterfahrung. Streitbar, klarsichtig, argumentativ, tastend, forschend. Die Pluralität der Meinungen, divergierende gesellschaftliche Prozesse und Umbrüche schreibend zu begreifen und dabei die eigenen Überzeugungen zu entwickeln, bedeutet für Gottfried Fischborn ein erfülltes Leben im Wandel. In seinen intensiven und aufregenden Exkursen verknüpft er Fußball-WM, Nachkriegskindheit, Familie, Freundeskreis, Ukrainekrise, die Entwicklung seiner Wissenschaft, Terror und Krieg, das emanzipatorische und das übergroße »wölfische Ich«. Gottfried Fischborns verzahnt Erinnerungsarbeit und Geschichtsutopie und polemisiert in Verantwortung für die nachwachsende Generation gegen eine Simplifizierung der Geschichte.

Gottfried Fischborn. Vorkommen. Vor kommen - Ein Jahr Lebenszeit. Schkeuditzer Buchverlag. 364 S., br., 15 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

jetzt abonnieren!

Wie? Noch kein Abo?

Na, dann aber hopp!

Einfach mal ausprobieren: 14 Tage digital, auf Papier, als App oder was weiß ich!

Jetzt kostenlos testen