Von Ulrike Henning
01.12.2016

Akzeptanz nicht für alle

HIV-Infizierte in der Bundesrepublik sehen sich weiter gesellschaftlich diskriminiert

ff

Den fast 85 000 HIV-Infizierten in Deutschland bietet sich ein widersprüchliches Bild: Einerseits zahlen die Krankenkassen für sie die Therapie, zum Beispiel mit antiretroviralen Medikamenten, die monatlich im Durchschnitt 1500 Euro kostet. Andererseits könnte die Zahl der jährlichen Neuinfektionen, die 2015 wie im Vorjahr bei 3200 Fällen lag, niedriger sein - wenn die Prävention besser wäre. Zusätzlich fehlt häufig - auch im Gesundheitswesen - die Akzeptanz.

Laut aktuellen Schätzungen des Robert-Koch-Institutes (RKI) ist die am stärksten betroffene Gruppe weiter die der schwulen Männer, mit 2200 von 3200 Neuinfektionen 2015. 250 der Ansteckungen erfolgten bei intravenösem Drogenkonsum. Im Vorjahr gab es etwa 460 Todesfälle von HIV-Infizierten. Von den in Deutschland lebenden Menschen mit HIV stammen fast 12 000 aus dem Ausland, von denen sich die größte Gruppe (6300 Personen) in Afrika ansteckte, und zwar vor allem über heterosexuelle Kontakte. Nach den RKI-Schätzungen infizierten sich in Berlin im vergangenen Jahr 430, in Brandenburg 80 sowie in Mecklenburg-Vorpommern wohl 55 Menschen.

In Übereinstimmung mit den RKI-Angaben fordert die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) in drei Bereichen mehr Prävention. Für Menschen mit besonders hohem Ansteckungsrisiko wird eine vorbeugende Medikation empfohlen, die sogenannte Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP). Sie ist inzwischen in Deutschland verschreibungsfähig, allerdings gibt es keine Finanzierung über die Krankenkassen. Der zuständige Gemeinsame Bundesausschuss äußert sich nicht, andererseits beharrt der Hersteller Gilead für sein Medikament Truvada auf einem Preis von 800 Euro pro Monat. Truvada ist nach den USA, Kenia und Südafrika nun auch in der EU zugelassen. Sein Einsatz in der Prävention wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der europäischen Infektionsschutzbehörde (ECDC) empfohlen.

Der zweite Ansatz zur Verbesserung der Prävention betrifft drogenabhängige Menschen in Haft. Intravenöser Konsum findet auch in den Gefängnissen statt, jedoch in einem Graubereich. Hier fehlt das Angebot sauberer Spritzen. In Bayern werden zudem keine Substitutionstherapien zur Verfügung gestellt, die Abhängigen greifen wieder zur Nadel. Die in Deutschland übliche Strafverfolgung von Drogenkonsumenten bringt viele von ihnen hinter Gitter. Von den Häftlingen bundesweit sind ein Prozent HIV-positiv, 20 Prozent haben sich mit Hepatitis C infiziert. DAH-Vorstand Sylvia Urban kritisierte, dass HIV- und HCV-Infektionen in Gefängnissen fahrlässig herbeigeführt würden.

Der dritte Bereich der Prävention betrifft den Ausbau freiwilliger und anonymer HIV-Tests für alle, insbesondere bestimmte Risikogruppen. Dazu gehören schwule und bisexuelle Männer, Drogenkonsumenten sowie Migranten. Insbesondere die eingeschränkte Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge in den ersten Monaten ihres Aufenthaltes kann zu zusätzlichen Infektionen führen. Eine diagnostizierte und erfolgreich behandelte HIV-Infektion schreitet nicht voran und ist auch nicht übertragbar.

Die Diskriminierung von HIV-Patienten wurde kürzlich bei einem Fachtag in Lübeck thematisiert. Vorurteile gibt es demnach auch im Gesundheitswesen - Patientenakten seien mit einem unübersehbaren roten Kreuz gekennzeichnet, Operationen werden abgesagt, obwohl der Patient pünktlich zur Stelle war. Die Betroffenen fordern eine bessere Information und Fortbildung der Ärzte zum Thema, darunter über das tatsächliche Infektionsrisiko. Im November hatte eine bundesweite Kampagne des Gesundheitsministeriums mit der DAH und weiteren Akteuren mehr Akzeptanz für HIV-Infizierte gefordert.

Große Hoffnungen weckt das erste bundesdeutsche Institut für HIV-Forschung in Essen, das im November eröffnet wurde und zur Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen gehört. Ziel ist die internationale Entwicklung eines Impfstoffes gegen HIV. Eine Impfung gilt als beste Lösung zur Eindämmung der Epidemie. Sie könnte vor der jahrelangen Einnahme von Medikamenten schützen. Die Einrichtung arbeitet mit Partnern in den USA, Afrika und Thailand zusammen. Hier wird neben der Hilfe privater Spender und Stiftungen auch politische Unterstützung gebraucht. Der Leiter des neuen Instituts, der anerkannte Aids-Experte Hendrik Streeck, unterstrich die soziale Verantwortung westlicher Industrienationen gegenüber ärmeren Ländern im Bereich der Impfstoffentwicklung.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken