Die da unten gegen die da oben

Warum in Frankfurt Bodenpersonal der Lufthansa gegen die streikenden Piloten demonstriert

Den Platz vor der Lufthansa-Konzernzentrale am Frankfurter Airportring hatte die Pilotengewerkschaft VC für eine Streikkundgebung reserviert. Es ist der sechste Streiktag seit Mitte vergangener Woche, nur eine Episode in einer seit Jahren schwelenden Lohnrunde. Demos von streikenden Lufthanseaten, insbesondere von Piloten und Flugbegleitern, hat das »Aviation Center« nahe der Autobahn A3 immer wieder erlebt. Auch dass sich einzelne Spitzenmanager aus der Chefetage in die »Höhle des Löwen« begeben und sich immer wieder Pfiffe und Buhrufe einhandeln, ist hier fast schon Alltag.

Neu an diesem sonnig-frostigen Mittwoch ist allerdings der Aufmarsch von Beschäftigten des Lufthansa-Bodenpersonals am Frankfurter Flughafen, die auf dem Grünstreifen vor der Zentrale nicht gegen den Konzernvorstand, sondern gegen den Pilotenstreik protestierten. Parolen auf Schildern wie »Kein Macht-Poker um Boden-Arbeitsplätze«, »Streik beenden - Schlichtung jetzt«, »Das Ansehen aller Lufthanseaten steht auf dem Spiel« und »Ihr sägt an dem Ast, auf dem wir alle sitzen« drückten ihre Stimmung aus. Zu der Aktion hatte der für mehrere Tausend Boden-Beschäftigte der Lufthansa in Frankfurt zuständige Betriebsrat aufgerufen. Entgegen anderslautenden Meldungen distanzierte sich die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ebenso von dem Vorstoß wie der Flugbegleiterverband UFO, der eine Grußbotschaft an die VC-Kundgebung übermittelt hatte. Treibende Kraft der Aktion dürften die nicht-gewerkschaftliche »Vereinigung Boden« und ihr Vorsitzender Rüdiger Fell sein, der dem Betriebsrat Boden angehört und mit einem Megafon Stimmung machte.

Es wäre nicht das erste Mal, dass diese Vereinigung Beschäftigte gegen Beschäftigte mobilisiert. 2008 bei einem ver.di-Streik bei der Lufthansa war es ähnlich.

Man müsse sich »realen Marktbedingungen stellen«, den »zerstörerischen Streik« stoppen und einen »Schulterschluss zwischen allen Mitarbeitern und dem Management« herbeiführen, so der Aufruf zum aktuellen Protest gegen die durchaus gut verdienenden Piloten, der laut Fells am Dienstag »spontan« entstanden war und dem mehrere Hundert Beschäftigte gefolgt sind. »Wenn die Lufthansa so schlecht ist, sollen es die Piloten doch mal bei einer anderen Airline probieren«, so eine Angestellte. »Die Piloten haben keine Ahnung von wirtschaftlichen Sachverhalten«, so ein anderer. Als die VC-Demo auf den Platz vor dem Aviation Center einbiegt, bedenken die Bodenbeschäftigten ihre Cockpit-Kollegen mit Buhrufen und Pfiffen. Sicherheitsdienste und Polizisten bildeten zwischen den Demos eine Kette.

»Piloten übernehmen die Verantwortung, Heuschrecken die Gewinne«, hieß es auf VC-Plakaten - ein Seitenhieb auf den von Großaktionären ausgehenden Renditedruck im Konzern, der auf alle Arbeitnehmergruppen und Konzernbereiche einwirkt. Einzelne Piloten reagierten gelassen bis sarkastisch auf die Gegendemo. »Das hat die Firma über die Abteilungsleiter gut organisiert«, so ein VC-Mann. »Nur traurig«, so ein anderer. »Das ist wie in Nordkorea«, meinte ein Dritter. »Die halten uns für Bonzen. Gegen Ängste ist schwer zu argumentieren«, so VC-Sprecher Jörg Handwerg. »Aber keiner am Boden bekommt auch nur einen Euro mehr, wenn wir verzichten.«

»Wir wollen, dass auch die Bodenkollegen am Unternehmenserfolg beteiligt werden«, bekräftigt VC-Chef Ilja Schulz und verweist auf Gewinnerwartungen des Konzerns in Höhe von 1,8 Milliarden Euro für 2016. »Spohr vors Tor«, skandieren die Piloten immer wieder. Doch Konzernchef Carsten Spohr ist nicht zu sehen. Insider halten ihn für einen »Scharfmacher«, der unter dem Druck der Großaktionäre in Tarifkonflikten eine harte Linie durchsetzt und eine Annäherung verhindert. Wenig Sympathie erntet auch Vorstand Karl Ulrich Garnad mit seiner Warnung »Ryanair greift uns an«. Mit einem Schuss Selbstkritik versucht hingegen Arbeitsdirektorin Bettina Volkens zu punkten: »Beide Seiten haben Fehler gemacht und Vertrauen zerstört.«

Der VC-Streik wird in der Nacht zum Donnerstag planmäßig ausgesetzt. Man werde das neue Angebot des Konzerns prüfen und dann über eine Schlichtung entscheiden, so Jörg Handwerg. Kommentar Seite 4

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