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Der Heppenheimer Hiob

Von Roberto J. De Lapuente
01.12.2016

Postfuck you!

Das Phänomen des Postfaktischen ist nicht neu - sämtliche Vorstellungen neoliberaler Ökonomen sind von postfaktischen Affekten geleitet

ff

Was Progressive und Konservative nun eint, das ist die Furcht vor postfaktischen Movements. Das ist aber auch nachvollziehbar, denn wenn man Menschen nicht mehr mit Fakten kommen kann, um sie für eine Sache argumentativ fit zu machen, dann erodiert da eine der demokratischen Grundvoraussetzungen und die Regierungsform als solche droht vollends zur Luftnummer zu werden. Dass wir es nun aber mit einer völlig neuen Form faktenresistenter Bewegungen zu tun hätten, wie man das besonders im konservativen Teil der Medien behauptet, das ist auch so ein Fakt, der nicht haltbar ist und trotzdem von Konservativen weiterhin ganz á la Zeitgeist geglaubt wird.

Die politischen Erscheinungsformen des Postfaktischen (ob sie nun als Trump oder als AfD daherkommen) werden gemeinhin als die Symptome allgemeiner Unzufriedenheit skizziert. Da Millionen Menschen mit ihrer wirtschaftlichen Situation nicht einverstanden sind und sich abhängt fühlen, floriert deren Politik. Auch wenn das etwas vereinfacht ist, darf man dem wohl zustimmen. Man muss es aber konrektisieren: Viele Wähler haben sich für Parteien und Gesichter mit postfaktischer Kompetenz entschieden, weil sie über Jahre hinweg von einer Ökonomie an der Nase herumgeführt wurden, die dasselbe Geschäft betrieb wie all jene, von denen man sich jetzt fürchtet.

Die Kritiker der neoliberalen Konzeption haben je und je wiederholt, dass man da einer Vorstellung frönt, die teils mit den Fakten nichts zu tun habe. Zum Beispiel hat man den Sozialabbau als gute Maßnahme gegen Arbeitslosigkeit gedeutet, weil die Statistiken einen Rückgang verzeichneten. Aber diese Statistiken waren ja nicht Faktentreue, sondern darin wurde alles getan, um gewisse Gruppen auszuschließen und die Zahlen am Boden zu halten. Dass das so läuft, war ein offenes Geheimnis. Aber postfaktisch wie man Volkswirtschaft verstand, hat man einfach so getan, als gäbe es zwischen Statistikfälschen und tatsächlich weniger Arbeitslosen einen Zusammenhang.

Hartz IV war und ist noch immer so ein Sachgebiet, das die ganze postfaktische Haltung der neoliberalen Ökonomie auf den Punkt bringt. Man feiert diese Reform noch heute als Sternstunde der Sozialpolitik und als letzten Rettungsanker. Dabei hat Hartz IV die Armut verfestigt, hält Menschen in einem System fest, in dem sie nicht Opfer der wirtschaftlichen Situation sind, sondern Täter am Gemeinwesen. Man hat mit diesen Gesetzen weniger eine Sozialreform als ein Stigma verwirklicht. Ständig verschärft man noch den Druck, ersinnt sich weitere Daumenschrauben, schreckt auch vor völligem Entzug des Existenzminimums nicht zurück und glaubt so, dass man die Menschen in Arbeit und die Gesellschaft in Vollbeschäftigung transportiert. Selten war wohl etwas so faktenresistent wie so ziemlich alles, was mit Hartz IV zu tun hat.

Man kann fast aufzählen was man will, es wird klar, dass sämtliche Vorstellungen neoliberaler Ökonomen von postfaktischen Affekten geleitet waren. Ständig sprachen sie sich gegen Fakten aus. Im Kleinen wie im Großen. Ob sie nun an ideologischen Stellschrauben fummelten und Arbeitslosigkeit zu einem persönlichen Mangel an Eigeninitiative umfunktionierten oder den Mindestlohn als große Gefahr, ob sie nun den Casinokapitalismus als sichere Bank hinstellten, bevor der Laden über die Klippe ging oder die Privatrente als letzte Rettung vor der Altersarmut postulierten: Immer hatten wir es mit Faktenverweigerung und dem Ignorieren von Gegenargumenten zu tun.

Die Neoklassik, auf der das ökonomische Gedankengebäude unserer Zeit baut, war immer schon als faktenarmer Erklärungsansatz angelegt. Sie ist ein Nährboden für das Postfaktische, wenn man so will. Wer seine Ökonomie auf sie gründet, der reckt den Mittelfinger hoch und erteilt den Fakten eine Abfuhr: Postfuck you!

Man könnte also behaupten: Erst kommt eine postfaktische Ökonomie über uns, mit postfaktischen Methoden und Auswertungen. Sie bereitet das geistig zerrüttete Klima, das uns dann im Anschluss den politischen Nichtwissern zutreibt. Das ist freilich kein Lösungansatz. Aber das Postfaktische ist nun schon so lange Ökonomie bei uns, man hat wohl faktisch vergessen, wie es ist, wenn man auf Fakten baut.

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Über diesen Blog

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Sozial- und Rechtsstaat brechen zusammen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt war einmal. Marktkonformität wird als Demokratie verkauft. Hiobsbotschaften sind Zeitgeist. Dieser Blog wird auch nichts daran ändern. Der Autor kennt das schon.

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  • Roberto de Lapuente

    Roberto J. De Lapuente, geboren 1978, hat vor vielen Jahren eine Lehre zum Industriemechaniker absolviert und danach länger in der Metallbranche gearbeitet. Mittlerweile lebt er als freier Publizist in Frankfurt. Seit 2008 betreibt er den Blog »ad sinistram«.

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