Von Jürgen Amendt
02.12.2016

Schuster, bleib’ bei deinen Leisten!

Netzwoche

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Politische Journalisten sind nicht dafür bekannt, über besonders viel Humor zu verfügen. Das bringt ihre Tätigkeit mit sich. Sie müssen ja über ernste Dinge berichten, etwa über die Reform des Gesundheitssystems (oftmals von ihnen unfreiwillig satirisch als »Gesundheitsreform« bezeichnet) oder über eine »armutsfeste« Rentenreform, also über eine Politik, die zwar vorgibt, das Rentensystem so zu gestalten, dass Armut im Alter verhindert wird, durch die Verwendung des Begriffs »armutsfest« aber (auch das wohl unfreiwillig) zugibt, dass es in Wirklichkeit wohl eher darauf hinausläuft, dass die Armut in der Gesellschaft eine gewisse konstante Festigkeit erhält, jemand also dann »armutsfest« ist, wenn er im Alltag das Leben in Armut besonders gut beherrscht. Die Journalistin und »nd«-Kolumnistin Kathrin Gerlof hat auf diesen Euphemismus in der Rentenpolitik der Bundesregierung dankenswerter Weise dieser Tage unter der Überschrift »Lob der Überlebenskunst« im Blog des linken Wirtschaftsmagazins »Oxi« hingewiesen (oxiblog.de).

Doch zurück zum Ausgangsproblem: Politische Journalisten, die sich zur sogenannten Hauptstadtpresse zählen, sind in der Regel humorlose Vertreter ihrer Zunft. Das ist auch gut so, denn auch für unseren Beruf gilt: Schuster, bleib’ bei deinen Leisten! Leider hat der Vorstand der Bundespressekonferenz diesen Rat nicht beherzigt, als er sich entschloss, zum Bundespresseball, zu dem sich vor Wochenfrist allerlei politische und gesellschaftliche Prominenz in Berlin versammelte, eine als Satire gemeinte Broschüre zu verteilen. Der Bundespresseball (bundespresseball.de) ist eine Veranstaltung, in der es für die Teilnehmenden im Wesentlichen darum geht, bei Sushi, Schampus und Schwofen auf der Tanzfläche die Kontakte zu pflegen, die notwendig sind, damit das Netzwerk, das man sich geknüpft hat, auch stabil bleibt. Wer eingeladen wird (und hingeht), darf sich als zur Elite gehörend fühlen.

Auf jenem Ball also wurde den Gästen ein »Almanach« in die Hand gedrückt, in dem eine »Bundesbade-Agentur« Hinweise zu Schwimmkursen für Flüchtlinge im Mittelmeer gab. Beworben wurde in der Broschüre u.a. ein »Vorschul-Flüchtlingsschwimmen (ab 3 Jahre), mit Festhalten an Treibgut, Tauchen bei hohem Wellengang, Springen vom Schlauchbootrand und Atemtechniken bei Nacht und Kälte«. Für Erwachsene bietet die ominöse Agentur Einzelunterricht an. »Es ist nie zu spät, das richtige Schwimmen und die richtige Technik zu lernen«, heißt es in diesem Abschnitt der Broschüre. Und weiter: »Um Ihren individuellen Wünschen zu entsprechen, bieten wir Einzelunterricht an. Die Unterrichtseinheiten sind dabei für mehrere Personen buchbar«. Aufgrund der »hohen Nachfrage« sei derzeit allerdings Einzelunterricht nicht verfügbar.

Bei den Hauptstadtjournalisten einiger großer Medien stieß dieser Versuch einer Satire sogleich auf heftigen Protest. Via Kurznachrichtendienst Twitter verurteilte u.a. der Korrespondent der »Süddeutschen Zeitung«, Robert Roßmann, die Broschüre als »menschenverachtend«.

Gegen Menschenverachtung ist eigentlich nichts einzuwenden, solange sie witzig ist und auch den Absender mit einschließt, könnte man jetzt zynisch entgegnen. Bei der Bundespressekonferenz entschied man sich allerdings dafür, auf dem bereits eingeschlagenen Weg des Versuchs einer Satire zu bleiben. Man stehe hinter dem Beitrag, den man allerdings »im Vorfeld kontrovers diskutiert« habe, hieß es in einer am Mittwoch verbreiteten Erklärung der Bundespressekonferenz.

Ein »Vorfeld«, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Hauptstadtpresse, ist ein Begriff aus dem Militärischen und bezeichnet ein »Gelände vor der eigenen Kampfstellung«. Es wäre interessant zu wissen, wie die Diskussion bei der Bundespressekonferenz im Hauptfeld ausgesehen hat. Vielleicht ist irgendjemand in der Runde ja tatsächlich auf die Idee gekommen, im Duden nachzuschlagen. Dort steht unter dem Stichwort »Satire«: »Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt.« Satire wäre es gewesen, den Gästen des Bundespresseballs statt Sushi und Schampus Wasser und Brot anzubieten, dies ihnen als »praktische Solidarität« mit den Flüchtlingen anzupreisen und Schauspielerin Veronica Ferres sowie ihren Ehemann Carsten Maschmeyer, ehemals Chef einer Drückerkolonne, dabei zu filmen, wie sie herzhaft in das trocken Brot beißen und in die Kamera lächeln.

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