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Der Elefant im Zimmer

16 indische und deutsche Comic-Zeichnerinnen haben ein Gemeinschaftswerk über Frauenrollen produziert

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In Indien stehen viele Elefanten im Raum. Einer der größten ist die problematische Situation der Frauen. »Der Elefant im Raum« ist im Englischen eine Redewendung für »einen offensichtlichen Umstand, den anzusprechen allen unangenehm ist«. So hält es die Einleitung zu dem kürzlich erschienenen Sammelband fest, der die Redewendung als Titel trägt.

»The Elephant in the Room« ist die aktuelle Ausgabe der jährlichen Comicsammlung »Spring«. Das Format wurde 2004 ausschließlich von Frauen in Hamburg gegründet. Jedes Jahr versammelt es Beiträge aus Comic, Illustration und freier Zeichnung zu einem bestimmten Thema.

Dieses Mal enthält »Spring« die Arbeiten von acht deutschen und acht indischen Zeichnerinnen. Sie trafen sich im Februar durch Unterstützung des Goethe-Instituts in einer Schriftstellerresidenz im Umland von Bangalore zu einer gemeinsamen Arbeitsphase. Dort beschäftigten sie sich mit dem Thema Frauenrollen in verschiedenen Kulturen und zeichneten dazu kleine und große Geschichten.

»Am Anfang waren wir uns ein bisschen unsicher, welche Themen wir mit den indischen Künstlerinnen anschneiden können«, berichtet die Hamburgerin Larissa Bertonasco in einem vom Goethe-Institut veröffentlichten Interview. »In der zehntägigen intensiven Zusammenarbeit haben wir aber gemerkt, dass wir sehr offen über alles reden können. Wir haben eine große Nähe gespürt, hatten uns unglaublich viel zu sagen und zu zeigen.«

Das 264-seitige Buch enthält nun diverse persönliche Zugänge zu universellen Themen: Kinderkriegen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Beziehungsfragen, Diskriminierung gegenüber Frauen, Körpernormen, Entdeckung des eigenen Körpers. In einer Bildserie entwirft eine der Zeichnerinnen Tempel in Anlehnung an Frauenkörper, mit der Vagina als zentralem Element. Die meisten Arbeiten sind allerdings Comicgeschichten und erzählen aus dem Leben der Zeichnerinnen, von kleinen Anekdoten bis hin zu Reflexionen über die eigenen Großeltern. Es geht um Vorbilder, Sexualität, Stolz und Konflikte - innerliche wie äußerliche.

»Es war interessant zu sehen, dass deutsche und indische Frauen gewisse Probleme gemeinsam haben, wie Familienerwartungen und Schönheitsstandards«, sagte Archana Sreenivasan, Jahrgang 1978, Ende Mai beim Comic-Salon in Erlangen im nd-Gespräch. Die in Bangalore lebende Illustratorin war beim größten Comic-Festival im deutschsprachigen Raum zu Gast, weil Indien dort eines der Schwerpunktthemen war. In ihrem »Spring«-Comic erzählt sie ausführlich darüber, wie es sich als Frau mit dem öffentlichen Wunsch, kinderlos zu bleiben, lebt und wie das persönliche Umfeld auf diese Entscheidung reagiert.

Wie ihre sechs Jahre jüngere Kollegin Prabha Mallya, die ebenfalls nach Erlangen kam, hat Sreenivasan noch nicht viele Comics veröffentlicht - aber der Markt dafür wachse, erzählten die Beiden. Auch politische Comics hätten mittlerweile einen relativ großen Anteil an den Veröffentlichungen. Der Trend zum grafischen Roman, der schon seit Jahren in Deutschland zu beobachten ist, existiert demnach auch in Indien. »Wir haben mittlerweile eine Abteilung für grafische Romane in fast jedem Buchladen«, sagte Mallya, die sowohl in Kalifornien als auch in Indien lebt.

Comics seien in Indien schon in den 70ern ein Massenphänomen gewesen, erzählte Archana Sreenivasan. Sie seien ursprünglich nur für Kinder gedacht gewesen und hätten vor allem Figuren aus der indischen Mythologie enthalten. Allerdings habe sich langfristig die »westliche Ästhetik« durchgesetzt. »Die indischen Comics waren sehr didaktisch, die Charaktere wurden nicht entwickelt«, erklärte Mallya.

Ganz anders nun die Geschichten über das Frausein, dort wie hier. Sie sind zum Teil sehr intim. Larissa Bertonasco geht in ihrer biografischen Reflexion auf die ambivalente Rolle ihres Körpers ein, bei einer anderen Frau wird die eigene Körperbehaarung thematisiert. Eine weitere Zeichnerin schildert in nur wenigen Sätzen die beiden Vergewaltigungen, die sie in ihrem Leben erlitten hat.

Bertonasco hatte schon 2014 im Auftrag des Goethe-Instituts in Neu-Delhi ein Comicseminar für Frauen mitbetreut, aus dem sogar ein in Indien erschienenes Buch hervorgegangen ist. Sie hat schon ein einiges von dem mitbekommen, was sich bezüglich der Rolle der Frau in Indien tut. »Sozialbeziehungen ändern sich, die Liebesheirat wird zum Thema und Frauen machen beruflich Karriere«, erklärte Bertonasco in einem Interview. Die Frauenbewegung in Indien ist mittlerweile stark. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Viele Millionen Frauen leiden auch heute noch unter Repression und Gewalt.

»Hier vergeht kein Tag, an dem nicht von mehreren Vergewaltigungen in der Zeitung berichtet wird«, sagt der Fotojournalist Florian Lang, der bereits seit sechs Jahren in Neu-Delhi lebt. »Leider werden meistens nur die Fälle richtig bekannt, in denen es gut ausgebildete und moderne Frauen aus der Mittelschicht getroffen hat.«

Sozial niedrig stehende Frauen und Mädchen wie die Dalits, das sind die Nachfahren der indischen Ureinwohner, für viele Menschen immer noch die »Unberührbaren« , sind besonders gefährdet, Vergewaltigungen und Mord zum Opfer zu fallen. Die Gewalt ist jedoch universell.

»Oft sind die Frauen schon als Kinder unerwünscht und bekommen deshalb weniger Aufmerksamkeit, Essen, Bildung und medizinische Versorgung als ihre Brüder«, erklärt Lang, der sich in seiner Arbeit immer wieder mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigt. »Sie werden als Last gesehen, die erst von der Familie fällt, wenn sie verheiratet sind. Bei der Heirat geht es oft um teure Mitgift - bis hin zu Autos - und wenn diese nicht den Erwartungen der Familie des Bräutigams entspricht, kann sich dieser Konflikt durch die Ehe hindurch ziehen und die Frau wird über Jahre von der Familie des Mannes drangsaliert.« Erst im Oktober hat die 28-jährige Ehefrau eines bekannten Sportlers genau damit ihre Selbsttötung begründet.

Spring 13. The Elephant in the Room, Mairisch, 264 Seiten, brosch., 20 €

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