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Das Misstrauen der Befreiten

Der Kampf gegen den Islamischen Staat im irakischen Mossul

  • Von Andreas Schmidt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Bei Adhbah, etwa zehn Kilometer südlich von Mossul, haben Hilfsorganisationen eine temporäre Auslieferungsstelle für Hilfsgüter eingerichtet. Der Islamische Staat (IS) ist nur einen Kilometer entfernt, im Hintergrund wird pausenlos geschossen. Bevor Zivilisten Hilfe in Empfang nehmen dürfen, müssen sie sich bei der irakischen Armee registrieren lassen.

»Eines muss euch klar werden, ihr seid jetzt nicht mehr im Kalifat, ihr seid in Irak«, brüllt der vermummte Soldat mit Schürhaken und Gewehr, während er versucht, im Getümmel gewaltsam für Ordnung zu sorgen. »In Irak trägt man eine ordentliche Frisur! Hier wird geraucht, hier wird sogar manchmal getrunken.« Ein paar Sekunden später ist ihm die Menge noch immer zu laut und er schießt in die Luft.

Danach zielt er auf die Männer und Kinder und droht, einen Schritt weiterzugehen. Die Situation ist angespannt. Die Soldaten agieren aggressiv und nervös, die Zivilisten verängstigt. Diejenigen, die hier auf humanitäre Unterstützung warten, sind aus den umliegenden Orten geflohen, die durch Kämpfe zerstört wurden oder noch umkämpft sind.

Der Soldat mit dem Schürhaken setzt seine Rede fort: »Wir haben euch geholfen, wir haben euch befreit. Nun seid ihr dran. Gebt uns die Namen derjenigen, die mit Daesh kollaboriert haben. Gebt uns die Verräter Iraks, damit wir für Gerechtigkeit sorgen können.« Daesh - das ist die arabische Abkürzung für IS.

Der Staat Irak gleicht heute einem Flickenteppich. Die Mehrheit der regulären Sicherheitskräfte ist, wie die Gesamtbevölkerung auch, schiitisch. Wenn also ein überwiegend sunnitisches Gebiet vom IS befreit wird, ist das Misstrauen zwischen Befreiern und Befreiten groß. Teile der Bevölkerung begrüßen die neue Ordnungsmacht, viele aber sind mit ihrer Freude vorsichtiger. »Wir können es uns nicht leisten, uns zu beschweren«, meint ein Junge, der mit Hilfsgütern auf dem Weg zu seiner Familie ist. »Außerdem ist gerade alles besser als Daesh.« Schon seit Jahrzehnten ist die Region Nährboden für radikalislamische Gruppierungen. Konfessionelle und ethnische Spannungen begleiten Irak seit der Gründung als Staat im Jahre 1921. Dieses konfliktgeladene Klima begünstigt, dass sich radikale und hassgetriebene Gruppen wie einst Al Qaida, und nun auch der IS, immer wieder in der Region festbeißen konnten.

Selbstverständlich liegt es aktuell allein in der Verantwortung der Sicherheitskräfte, diejenigen in den irakischen Provinzen ausfindig zu machen, die die totalitäre Herrschaft des IS unterstützt haben. Doch der Druck ist enorm, der Prozess des Aussortierens zwischen »guten« Zivilisten und »bösen« Kollaborateuren der Terrorherrschaft kompliziert. Eine zu brutale Vorgehensweise birgt die Gefahr, die schon vorhandenen Spannungen zwischen den Glaubensgemeinschaften hin zu einem neuen offenen Konflikt zu bringen.

Ein aktuelles Beispiel zeigt, wie komplex die Situation ist: Die Stadt Hammam El-Ali, gelegen direkt am aktuellen Frontverlauf, wird vor allem von Sunniten bewohnt. Der Ort selbst ist benannt nach seinen natürlichen Heißwasserquellen, von denen wiederum die Schiiten glauben, dass sie ein Geschenk Gottes sind. Das Wasser soll heilende Kräfte haben.

Hier hatte der Islamische Staat bis vor kurzem einen seiner stärksten Außenposten vor Mossul. Die Ölraffinerie der Stadt war für den IS eine wichtige Einnahmequelle. Die Schiiten, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, litten in Hammam El-Ali besonders stark unter der Terrorherrschaft. Jetzt, nach der Befreiung, sinnen Teile der Sicherheitskräfte auf Rache. »Gott hat den Schiiten einst die Quellen gegeben. Mit seiner Hilfe haben wir sie den Klauen der Terroristen entrissen« sagt Mohammed Badr. Er ist aus Baghdad und mit seiner Einheit der irakischen Bundespolizei hier stationiert.

Badr und seine Kameraden waschen sich in ihrer Freizeit an den Quellen und erfreuen sich eines Stückes göttlicher Gnade, während ein paar Meter weiter, an der Grenze der Stadt, Angehörige ihrer Glaubensgemeinschaft in einem Massengrab liegen. Etwa 200 Menschen sollen allein an jener Stelle exekutiert worden sein. Ein vermummter Kämpfer, der stolz seine religiösen Tätowierungen zur Schau stellt, verkündet: »Wir werden uns rächen, für Ali und Hussein.« Ali war Schwiegersohn und Hussein ein Enkel des Propheten Mohammed. Freiwillig präsentieren sie Handyvideos von selbst verübten Racheakten an vermeintlichen Kollaborateuren. Eine kurze Recherche im Internet weist eine Vielzahl solch dokumentierter Grausamkeiten auf.

Die Zivilbevölkerung Hamam El-Alis ist der neuen Ordnungskraft komplett ausgesetzt. Ihr Handeln wird mitentscheiden, ob im befreiten Irak künftig religiöse Gemeinschaften kooperieren und damit der Frieden geschaffen wird, den sich so viele Menschen erhoffen. Das aggressive Verhalten der Sicherheitskräfte, deren Flaggen mit schiitisch-religiösen Motiven fast provokativ jedes Fahrzeug und jede Stellung schmücken, lässt Zweifel daran aufkommen. Die Befreiung Iraks vom IS wird von denjenigen, die sie in aktiven Kampfhandlungen verwirklichen, zweifellos von einem religiösen Standpunkt aus geführt.

Das Gefühl, von der eigenen Regierung im Stich gelassen worden zu sein, hatte sich schon 2014 unter den Zivilisten verbreitet, als die irakische Armee vom IS in die Flucht geschlagen wurde. Millionen sind immer noch vom Islamischen Staat im eigenen Land gefangen. Angesichts von immer mehr Binnenflüchtlingen, einer leidenden Zivilbevölkerung und gebietsweise völlig zerstörter Infrastruktur ist das letzte, was Irak braucht, ein weiter eskalierender Konflikt zwischen den Glaubensgemeinschaften, ausgelöst durch Tyrannisieren der Bevölkerung und die Pflege alter Feindbilder.

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