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Abfahrt aus der Vorhölle

In Wittenberg eröffnet vor dem Reformationsjahr der bundesweit zweite »grüne Bahnhof«

  • Von Hendrik Lasch, Wittenberg
  • Lesedauer: 3 Min.

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In Wittenberg ist die Bahn in den Untergrund gegangen. Zwar verkehren die Züge weiter ebenerdig. Die Wärme, mit der das Unternehmen den neu eröffneten Bahnhof in der Stadt beheizt, kommt allerdings aus der Erde: Sie wird per Geothermie gewonnen. Der Strom wiederum, mit dem die Bahnhofshalle beleuchtet wird, stammt von einer Solaranlage auf dem Dach, und das Wasser für die Toilettenspülung ist zumindest zum Teil Regenwasser, das auf einem begrünten Dach gesammelt wird. Das Gebäude, das am Freitag offiziell übergeben wurde, darf sich deshalb »grüner Bahnhof« nennen - als zweites in Deutschland. Seit Sommer 2014 ist schon ein ähnlicher Bau in Kerpen-Horrem im Rheinland in Betrieb.

Der Neubau ist das vierte Bahnhofsgebäude in der Stadt, seit vor 175 Jahren die Bahnstrecke von Berlin nach Köthen in Betrieb ging. Sein Vorgänger war 1877 errichtet worden. Der Backsteinbau, der zwischen zwei Gleisfelder gesetzt worden war, hatte zuletzt allerdings ein mehr als tristes Bild geboten. Reiner Haseloff, der in Wittenberg wohnende CDU-Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, erinnert sich noch gut an einen Artikel in der »Süddeutschen Zeitung«, deren Reporter geschrieben hatte, auf dem Weg zu den Stätten der Reformation müssten Bahnreisende zunächst die »Vorhölle« durchschreiten. Die Deutsche Bahn, sagt LINKE-Stadtrat Horst Dübner, habe den Bau »jahrelang vernachlässigt«.

Rechtzeitig vor dem 500-jährigen Jubiläum der Reformation hat der Staatskonzern nun aber zusammen mit Land und Stadt dafür gesorgt, dass den in hellen Scharen erwarteten Luther-Touristen dieses Purgatorium erspart bleibt. Für 6,1 Millionen Euro wurde binnen 18 Monaten ein Flachbau mit schwarzer Klinkerfassade errichtet, in dessen Halle durch große Glasfronten viel Licht dringt und der, wie der Bahnvorstand und frühere CDU-Bundesminister Roland Pofalla betont, klimaneutral betrieben werden kann: »Wir sorgen für grüne An- und Abreise.« Derlei Bauten trügen dazu bei, dass die Deutsche Bahn ihren CO2-Ausstoß bis 2020 um 30 Prozent senken könne.

In Wittenberg ist man froh, dass der Konzern seinen zweiten grünen Bahnhof ausgerechnet hier baute, obwohl die Stadt mit täglich 3400 Pendlern das eigentliche bahninterne Limit von 10 000 Reisenden für derlei Neubauten verfehlt. Ohne das Reformationsjubiläum hätte es den Bau nicht gegeben, glaubt daher Oberbürgermeister Torsten Zugehör und zollt dem Reformator den gebührenden Respekt: »Danke, lieber Martin!«

Auch Landespolitiker wie Cornelia Lüddemann sind angetan. Allerdings weist die Fraktionschefin der Grünen auch auf den beklagenswerten Zustand vieler anderer Bahnhöfe in Sachsen-Anhalt hin. Von diesen gehören überhaupt nur noch elf der Deutschen Bahn. Neben Wittenberg sowie Magdeburg und Halle sind das die Stationsgebäude in Dessau, Bitterfeld und Merseburg, Naumburg, Sandersleben, Stendal und Wernigerode. Alle anderen knapp 400 wurden vor etwa zehn Jahren an einen Immobilienfonds verkauft. Nach einer weiteren Transaktion gibt es für viele noch immer keine Nutzung; sie stehen leer oder wurden abgerissen. Nur in wenigen Fällen haben Kommunen oder kommunale Gesellschaften, Privatleute oder Vereine die Immobilien erworben und sorgen dafür, dass sie weiter genutzt werden.

Das trifft nicht zuletzt auf den zweiten »Reformations-Bahnhof« in Sachsen-Anhalt zu - den in Eisleben, dem Geburts- und Sterbeort des Reformators. Dort hätten die Touristen 2017 ebenfalls durch eine »Vorhölle« gehen müssen, hätte sich nicht vor zwei Jahren eine Bürgergenossenschaft gegründet. Deren Engagement ist es zu verdanken, dass auch der Eisleber Bahnhof bald in neuem Glanz erstrahlt - auch wenn er nicht ganz so grün ist wie der in Wittenberg.

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