»Es ging um die Täter, nicht die Opfer«

Studie kritisiert ARD und ZDF für Berichterstattung zur Kölner Silvesternacht

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Die Kölner Silvesternacht war in vielerlei Hinsicht ein Einschnitt: für die vielen Frauen, die in jener Nacht zum Opfer wurden. Für Flüchtlinge und Migranten, die im Anschluss unter Generalverdacht gerieten und unter verschärften Gesetzen zu leiden hatten. Aber auch für die berichtenden Medien, deren ohnehin schon angeschlagene Glaubwürdigkeit einmal mehr in Zweifel gezogen wurde.

Fast ein Jahr nach den sexuellen Übergriffen rund um die Kölner Domplatte ist nun eine neue Studie zur Berichterstattung von ARD und ZDF erschienen. Mit scharfer Kritik: Nachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen hätten sich einseitig um die Herkunft der mutmaßlichen Täter und um Gesetzesverschärfungen im Ausländerrecht gedreht. Die Perspektive der Opfer und sexuelle Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem sei hingegen vernachlässigt worden.

Verantwortlich für die Studie ist die Salzburger Kommunikationswissenschaftlerin Ricarda Drüeke. Im Auftrag der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung hat sie sämtliche Nachrichtensendungen von ARD und ZDF aus den ersten drei Wochen des Jahres untersucht und dazu knapp 100 Beiträge von »Morgenmagazin«, »Heute Nachrichten«, »Tagesschau« und »Tagesthemen« ausgewertet.

Sie kritisiert, dass die mutmaßlichen Täter in vielen Fällen als »homogenisierte Tätergruppe« dargestellt wurden. So wurden in über 40 Prozent der Beiträge die mutmaßlichen Täter als »Flüchtlinge«, »Asylsuchende/-bewerber«, »Ausländer« oder »Migranten «bezeichnet. In weniger als einem Viertel der Fälle hingegen waren es schlicht »Männer« (23,7 Prozent).

Die Perspektive der Opfer sei hingegen kaum berücksichtigt worden. Lediglich in 8,2 Prozent der Sendungen seien von sexuellen Übergriffen betroffene Frauen zu Wort gekommen. »Weniger als über die mutmaßlichen Täter wurde über die Opfer berichtet. Über sie lässt sich aus der TV-Berichterstattung kaum etwas erfahren«, schreibt Drüeke. Die Einordnung und Bewertung hätten stattdessen andere übernommen: In 71,1 Prozent der Beiträge kamen Politiker zu Wort, in fast der Hälfte (47,4 Prozent) Vertreter der Polizei. Flüchtlinge in keinem einzigen.

»Die Deutungsmacht über das «Ereignis» wird vor allem Vertreter*innen der Exekutive und der institutionalisierten Politik zugesprochen«, schreibt Drüeke. Dies habe dazu geführt, dass die Debatte um sexuelle Gewalt vor allem hinsichtlich möglicher Gesetzesverschärfungen, wie schnellere Abschiebungen oder schärfte Asylgesetze, geführt worden sei. ARD und ZDF hätten es zudem versäumt, Sexismus »als strukturelles Problem zu diskutieren«. Die Folge laut der Studienmacherin: »Die Vorkommnisse der Silvesternacht (erscheinen) als singuläres Ereignis, bedingt durch eine spezifische Gruppe und einen spezifischen Ort.«

Die mediale Debatte habe sich in den ersten Wochen der Berichterstattung vor allem um die Herkunft der Täter gedreht. »Sexualisierte Gewalt wurde als Problem stilisiert, das von außen an die deutsche Gesellschaft herangetragen werde«, kritisiert auch Ines Kappert von der Heinrich-Böll-Stiftung im Vorwort der Studie die mediale Berichterstattung und erkennt eine »Bildsprache«, die »zurück ins Dritte Reich führt, wo auf ähnliche Weise vor ›Rassenschande‹ gewarnt wurde«.

Die Berichterstattung vieler Medien über die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht hatte Anfang des Jahres zu Kritik und internationaler Aufmerksamkeit geführt. Anders als in der Studie der Böll-Stiftung warfen Kritiker den Medien allerdings vor allem vor, zu spät und zu wenig über die Herkunft der mutmaßlichen Täter berichtet zu haben. Selbst Ex-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) äußerte damals die Vermutung, es gäbe »Nachrichtensperren« und ein »Schweigekartell«.

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