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Mit Gebäck und Zigaretten

Pankower Bezirksbürgermeister Sören Benn trifft Bewohner von Flüchtlingsunterkünften

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

Neben dem Eingang steht ein bunt gedeckter Tisch: Kuchen, Kekse, Zigaretten. Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma haben ihn für die Bewohner des Hauses aufgestellt. Heute, am dritten Freitag im Dezember, feiern Jesiden das Fastenbrechen. 500 Menschen leben in der Flüchtlingsunterkunft in der Storkower Straße in Pankow. Die meisten von ihnen sind Syrer, Iraker, Afghanen. Und einige von ihnen sind Jesiden.

Heimleiter Marco Schulze freut sich über die Geste. Ein Freund habe ihm die Sicherheitsfirma empfohlen. Und er ist zufrieden. Auch wegen der interkulturellen Kompetenz der Mitarbeiter, die selbst alle aus unterschiedlichen Kulturen kämen.

Schulze hat heute ungewöhnlichen Besuch in seiner Einrichtung: den neu gewählten Bezirksbürgermeister Sören Benn (LINKE). Dieser hatte bereits viele Berufe: Er war Baufacharbeiter, Schauspieler und Sozialpädagoge und arbeitete vor der Wahl im September als Referent für Wirtschafts- und Verkehrsthemen der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. Mit Flüchtlingspolitik hat sich Benn bisher weniger beschäftigt. Nun will er einen ersten Einblick gewinnen.

Auf dem Programm steht der Besuch von zwei sogenannten Gemeinschaftsunterkünften. Die Menschen hier haben abschließbare Räume und können selbst kochen. Beide Heime sind eine kleine Besonderheit in der krisengeschüttelten Berliner Flüchtlingsunterbringung: Trotz der Probleme mit Betreiberverträgen wurden sie im September neu eröffnet. Die Firma STK 118 hat für das ehemalige Pankower Arbeitsamt in der Storkower Straße sogar einen dreijährigen Vertrag unterzeichnet. Hier wohnen vor allem Familien und besonders schutzbedürftige Personen. Marco Schule teilt sich den Leitungsposten mit Stephan Aspe, mit dem er zuvor zusammen in der Wohnungslosenhilfe gearbeitet hatte. Den neuen Job haben sie bereits Anfang des Jahres angetreten. Bürokratische Hürden seitens des Senats hätten die Eröffnung der Unterkunft hinaus gezögert, sagt Aspe.

Im Tross mit Mitarbeitern des Bezirksamts und des Betreibers sowie Journalisten läuft Benn durch das fünfstöckige Gebäude. Kinder scharen sich um die Besucher, irritierte Bewohner versuchen sich mit Kochtöpfen einen Weg durch die Menschen zu bahnen. Eine Familie bittet Benn in ihr Zimmer. Es ist karg eingerichtet, die Matratzen liegen zum Teil auf dem Boden. Die Familie ist erst vor einem Monat hier eingezogen. Vorher lebten sie in einer Turnhalle, berichtet der Vater. Obwohl sie bereits seit einem Jahr in Berlin leben, hatten noch nicht alle Familienmitglieder ihre Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die notwendig ist, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten.

Nach Blicken in den Garten und das Spielzimmer kommt Benn bei Kaffee, Saft und Gebäck mit rund 50 Bewohnern der Einrichtung zusammen. Benn fordert sie auf, Fragen zu stellen, Wünsche zu äußern und Probleme anzusprechen. Eine Dolmetscherin übersetzt. Ein Mann kritisiert die mangelhafte Wasserversorgung. Heimleiter Schulze erklärt, gerade im Moment seien Installateure mit der Lösung des Problems befasst. Kritik gibt es auch, weil das WLAN nicht in alle Zimmer reicht. Eine Frau wünscht sich Unterstützung, weil sie schon dreimal beim Integrationskurs abgelehnt worden sei. Um dieses Problem will sich die Pankower Integrationsbeauftragte kümmern, die Benn beim Rundgang begleitet.

Auch in der Treskowstraße leben rund 500 Menschen. Das Unionshilfswerk hat für das neue und bisher ungenutzte Bürogebäude zunächst eine Absichtserklärung statt eines Vertrags unterzeichnet, die für zwei Jahre gilt. Auch hier blickt Benn in die Zimmer der Bewohner, auch hier setzt er sich anschließend mit Flüchtlingen zusammen, um einen Einblick in ihre Probleme zu bekommen. Die Bewohner reichen selbstgekochtes Essen aus ihren Heimatländern. Eine Frau vermisst für nächtliche Notfälle einen Dolmetscher im Haus. Ein Mann hätte gerne mehr Platz für seine Familie. Nicht alle Probleme kann Benn anhören und erst Recht nicht lösen. Aber er setzt ein Zeichen. »Es ist nicht meine Aufgabe, jede Flüchtlingsunterkunft in Pankow zu besuchen«, sagt er. »Aber in der Wackenbergstraße hat es gewirkt.«

Bewohner einer Notunterkunft in der Wackenbergstraße hatten Ende November einen Brief an Benn geschrieben: über Dreck, kaputte Toiletten und Krankheiten. Tags darauf hatte er die Halle besucht. Zwei Wochen später, am Tag des jesidischen Fastenbrechens, ziehen die Flüchtlinge in ein Containerdorf um.

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