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Der IS wurde von Europa stark gemacht

Die Propagandaquellen der Islamisten sind intakt

  • Von Karin Leukefeld
  • Lesedauer: 3 Min.

»Ein Soldat des Islamischen Staates« soll für den Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin verantwortlich sein. Das erklärte die Propagandaabteilung (AMAQ) des »Islamischen Staates in Irak und der Levante« (IS/Daesh) auf ihrer Webseite und über »soziale Medien«. AMAQ zitiert eine »Sicherheitsquelle«, den Geheimdienst des IS. Die Tat des Mannes sei »eine Antwort auf die Aufrufe gewesen, Bürger der Staaten anzugreifen, die der internationalen Koalition« (gegen den IS - d. Red.) angehören. Zugang zu AMAQ erhält man über Twitter, Telegram. Den besten und stabilsten Draht aber scheint die Internetseite der Geheimdienstagentur »SITE« zu haben. Tatsache ist, dass deutsche Medien sie - mal mit mehr, meist mit weniger Fragezeichen - verbreiten und vor allem junge Leute über ihre Mobiltelefone die »AMAQ News« jederzeit abrufen können und das auch tun: ob im Unterricht, bei der Arbeit oder an der Bushaltestelle.

Und die Meldungen zeigen Wirkung. Laut (Geheimdienst-)Berichten schlossen sich Tausende junge Männer und Hunderte junge Frauen dem IS an. Zumeist handelte es sich um junge Muslime, die in Europa soziale Ausgrenzung erfahren hatten und in den für sie fremden Kulturen nicht Tritt fassen konnten. Sie wurden in Moscheen oder islamischen Vereinen angesprochen, die - unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe - junge Männer in die Kriegszone brachten, wo sie in Strukturen der Organisationen eingegliedert wurden.

Junge Frauen wurden über das Internet kontaktiert, ob sie nicht den »Menschen in Syrien« helfen wollten. Manchmal wurden sie auch direkt gefragt, ob sie nicht einen »Dschihad-Kämpfer« heiraten wollten. Unter den jungen Leuten waren viele, die zum Islam übergetreten waren.

Die eigentlichen »Macher« des IS allerdings sind gut ausgebildete Techniker, Akademiker und Soldaten, die aus der Türkei oder den Golfmonarchien stammen, im Westen aufgewachsen und/oder ausgebildet wurden. Manche waren an Universitäten oder dienten in westlichen Armeen, bevor sie sich dem »Islamischen Staat« anschlossen.

Der IS wurde so stark, weil vor ihm andere Milizen gestärkt wurden, von denen er zehren konnte. Den Anfang machte die »Freie Syrische Armee«, die aus der Türkei agierte. In kürzester Zeit entstanden mehr als 1000 bewaffnete Gruppen, die sich um die Geld- und Waffenquellen stritten. Im August 2012 stellte der Militärgeheimdienst des Pentagon in einem Bericht fest, dass der Aufstand in Syrien von »der Muslimbruderschaft, Salafisten und Al Qaida in Irak« geführt werde. Unterstützt würden diese Gruppen »vom Westen (EU, USA), der Türkei und den Golfstaaten«, den so genannten »Freunden Syriens«.

Einflussreich und bekannt wurden die Dschihadisten mit Geld, Waffen und durch mediale Präsenz. Das Geld kam von »Geschäftsleuten am Golf«, die die Dschihadisten (gegen das »Assad-Regime«) finanzierten. Waffen kamen aus Europa - Ost und West - und wurden an die Regionalstaaten geliefert, deren »Geschäftsleute« bezahlten. Die Medien in den Staaten der »Freunde Syriens« schließlich berichteten über die Dschihadisten fast ununterbrochen. Jeder abgebildete Anschlag (gegen das syrische »Regime«) hatte mehr Spenden (Geld, Waffen) und mehr Anhänger zur Folge. Der Nachrichtensender Al Dschasira (Arabisch) aus Katar gab dem Anführer der Nusra-Front gleich zwei Mal die Gelegenheit zu ausführlichen Interviews. Ziel war, die Gruppe als »politische Opposition« für die Genfer Syrien-Gespräche anzubieten.

Deutschland gehört bis heute der Kerngruppe dieser »Freunde Syriens« an. Berlin sorgte für die politische Anerkennung der Opposition und verwaltet mit den Vereinigten Arabischen Emiraten einen »Wiederaufbaufonds«, der bei der Kreditbank für Wiederaufbau angelegt ist. Seit Dezember 2015 ist die Bundeswehr Teil der von den USA geführten »Anti-IS-Allianz«, die offenbar den Geist, den man selber rief, wieder in die Flasche zurückbomben soll.

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