Jetzt ist die Zeit für Klassik

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit ein paar Tagen ist mir so nach einigen meiner Vinylschnitten mit klassischer Musik. Schöne Sammelwerke mit der Musik von Franz Schubert und Claude Debussy halte ich derzeit für angemessen. Die sind nicht zu poppig-poplig, nicht zu weihnachtlich-bekloppt.

Seit dem letzten Montagabend, an dem der terroristische Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz verübt wurde, läuft in Funk und Fernsehen eine gefühlte Dauerberichterstattung, wenn nicht sogar der eine oder andere Psycho-Stream. Schon am Montagabend, als im ZDF der erste Teil des Films »Gotthard« gezeigt wurde, lief alle paar Minuten per Schriftzug die Nachricht von den bis dahin neun Toten und 50 Verletzten durch das Bild. Mein Gott, würden wir alle evakuiert werden müssen? Dann sollten sie den Film abbrechen, um ihre Sondersendung vorzuziehen, das wäre konsequent gewesen. Aber so? Dauernd diese Wiederholungen ihres vorübergehenden Kenntnisstandes.

Am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag nahm die Hysterie ihren Lauf, samt den O-Tönen von Radiohörern und den Zitaten aus dem Internet. Ich finde, wir waren da schon weiter, zum Beispiel in den Achtzigern, als das »Abendprogramm« noch nicht 24 Stunden dauerte. Heutzutage kommt bei ihren Interviews doch nur was bei rum, wenn ein Terrorismusexperte wie Olaf Sundermeyer drei Minuten Klartext spricht. Meistens steht nur eine Pappnase vor der Kamera, und hinter ihr eine Feuerwehr, um zu sagen: Im Hintergrund steht eine Feuerwehr.

Am Dienstag war ich fast schon ein bisschen froh, zur Arbeit gehen zu müssen, wo die Kollegen weder Zeit noch Nerven für die Topthemen der Außenwelt haben, welche dort ohnehin nur als permanente Nullaufklärung wiederholt werden. Mir schien, als seien einige Kollegen und Kunden ein wenig demütiger und netter.

Seit Mittwoch früh um fünf verzichte ich auf das Radiohören. Warum nicht einfach mal per LP etwas Franz Liszt und Rachmaninow zum morgendlichen Kaffee? Wenn ich mich am Abend im Fernsehen über das Wesentliche informiere, bekomme ich genügend »trauernde« Eventhopper untergejubelt. Da: das Brandenburger Tor in den deutschen Farben, mit lachenden Selfie-Asiaten davor, halleluja!

Der Terror hat nun auch in Berlin Einzug gehalten, ausgerechnet zu Weihnachten. Was? Also ich habe im Laufe der Jahre, wenn es den Verlust eines Angehörigen zu beklagen gab, dem Kalender keinerlei Bedeutung zugemessen. Mein Kopf war voll mit den gemeinsamen Ereignissen aus einigen Jahren, wenn nicht sogar mit einer Spur von Zukunftsängsten. Es spielte keine Rolle, ob gerade Pfingsten oder Neujahr angesagt war. Aber dafür, einfach mal das Maul halten zu müssen, haben die Dudelfunker kein Gespür; die jammern zwischen Harpo und DJ Ötzi über die Vermeidung der Hysterie, die sie selber veranstalten.

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