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Im Asylheim ist Simone ein Mann

Das Projekt »queer haven« berät lesbische, schwule und transsexuelle Flüchtlinge

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Simone stammt aus Syrien und lebt in einem Asylheim in Luckenwalde. Dort kennt sie aber niemand als Simone. Dort gibt sie sich als Mann aus und benutzt den Namen, der noch immer in ihrem Pass steht. Dass sie Hormone nimmt, das verheimlicht sie. An den Wochenenden fährt sie nach Berlin zu einem Bekannten, einem schwulen Innenarchitekten aus dem Libanon. Der hat eine Wohnung und da kann sie sich die Frauenkleider überstreifen, die sie so gern trägt. Simone ist transsexuell und hat es damit besonders schwer.

Aber auch schon schwule und lesbische Flüchtlinge verbergen ihre sexuelle Orientierung lieber, um im Asylbewerberheim keine Schwierigkeiten mit intoleranten Landsleuten zu bekommen, im Extremfall zusammengeschlagen zu werden. Dass es immer wieder gewaltsame Übergriffe gebe, erfuhr die Landesgleichstellungsbeauftragte Monika von der Lippe. Aber es fehlte eine Struktur, um den Betroffenen zu helfen.

Das »Bündnis für Brandenburg«, das sich um die Integration kümmert, gab dann aber 17 000 Euro frei. Mitte 2016 konnte ein Projekt beim Landesverband Andersartig angeschoben werden. »Bifröst« lautete der Arbeitstitel. Bifröst ist in der nordischen Mythologie die Regenbogenbrücke, die Midgard und Asgard verbindet, den Übergang von der Erdenwelt ins Himmelreich ermöglicht. Doch Projektleiter Sven Brandenburg und seine Mitstreiter gelangten zu der Überzeugung, dass Bifröst zwar ein origineller Name ist, dass jedoch ein englischer Begriff gebraucht werde, mit dem die Flüchtlinge etwas anfangen können.

So entstand die Bezeichnung »queer haven«, die Lesben, Schwulen, Transsexuellen und Intersexuellen einen sicheren Ort verspricht. Für das kommende Jahr sind 65 000 Euro beantragt, erläutert Projektleiter Sven Brandenburg. Im Januar steht ein Umzug in größere Räumlichkeiten an. Auf rund 120 Quadratmetern im Hinterhof der Potsdamer Dortustraße 71 ist dann Platz für eine Begegnungsstätte, während das derzeitige beengte Domizil ein paar hundert Meter entfernt in der Kleinen Gasse 2 kaum ausreicht, sich auch mal für ein Beratungsgespräch zurückzuziehen.

Oft rufen Flüchtlinge mit ihren Sorgen an, wollen aber nicht in die Kleine Gasse vorbeikommen, weil sie fürchten, beim Hineingehen gesehen zu werden, erzählt Lars Bergmann, Leiter der Landeskoordinierungsstelle für lesbische, schwule und transsexuelle Belange, die ebenfalls hier untergebracht ist. Die Menschen bei Beziehungsproblemen oder beim Coming-out zu beraten, fällt ihm nicht schwer. Da hat er Erfahrung. Doch bei den Flüchtlingen kommen spezielle psychische Probleme hinzu, oft ausgelöst durch Kriegserlebnisse. Rechtliche Fragen des Asylverfahrens kann Bergmann auch nicht seriös beantworten.

»Wir wollen nicht das Rad neu erfinden. Wir sind keine Juristen, wir sind keine Traumatherapeuten«, ergänzt Sven Brandenburg. Die Landesintegrationsbeauftragte Doris Lemmermeier rät ihm auch, in solchen Fällen auf Rechtsanwälte zurückzugreifen, die sich mit Asylverfahren auskennen. Da gebe es, bestätigt Sven Brandenburg, durchaus auch außerhalb der Community Anwälte, die Bescheid wissen, wie Homosexualität als Asylgrund geltend gemacht werden kann. Dass die Verfolgung von Homosexuellen in der Heimat allein nicht ausreicht, um in Asyl in Deutschland zu genießen, ist dem Projektleiter klar. Die individuelle Bedrohung müsse nachgewiesen, beispielsweise durch Fotos Folter belegt werden.

50 Anfragen von Flüchtlingen oder zu Flüchtlingen gingen im Jahr 2015 bei der Landeskoordinierungsstelle ein. Inzwischen seien es etwa ein bis zwei Anfragen pro Woche, wobei es eine genaue Aufstellung für 2016 erst im kommenden Jahr geben werde, berichten Bergmann und Brandenburg. Dabei habe »queer haven« bislang überhaupt keine Werbung gemacht. Die eigene Internetseite in deutscher, englischer, französischer, arabischer und russischer Sprache soll auch erst 2017 starten. Aber das Beratungsangebot hat sich schon herumgesprochen. In Zukunft sollen beispielsweise Sozialarbeiter, die in Asylheimen tätig sind, für das Thema sensibilisiert werden. Sven Brandenburg hat mit diesen Kollegen bisher »fast durchweg positive Erfahrungen gesammelt«, wie er sagt. Der klassische Weg, Flyer in den Asylheimen auszulegen, die sich die Betroffenen nehmen können, führe nicht unbedingt zum Ziel. Denn sie haben Angst, dabei beobachtet und damit enttarnt zu werden. »Sie bleiben unsichtbar«, sagt Projektleiter Brandenburg.

Schwierigkeiten hatte die Beratungsstelle anfangs mit einzelnen Dolmetschern. Von zwei Dolmetschern hat sie sich getrennt, als Bergmann bemerkte, dass sie offensichtlich Ressentiments hegten und beim Übersetzen »homophoben Quatsch« erzählten. Mittlerweile sind aber mehrere geeignete Sprachmittler gefunden.

Fehlt noch eine Lösung für die transsexuelle Simone. Sie träumt von einer Wohnung in Berlin, geht schon seit zwei Jahren zu allen möglichen Besichtigungen, erhält aber immer Absagen. »Es ist im Moment insgesamt schwer, eine Wohnung in der Hauptstadt zu bekommen«, bedauert Sven Brandenburg. Er weiß, dass viele seiner Klienten in die Bundeshauptstadt übersiedeln. »Alle wollen es«, sagt er. Diese Menschen sehnen sich nach der dortigen Community und auch nach der Anonymität der Großstadt, die es ihnen viel leichter macht. Im Umland gibt es viel weniger Clubs und Gruppen. Aber es gibt sie hier und dort, und »queer haven« kann Kontakte vermitteln.

lks-brandenburg.de

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