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»Solidarität ist größer als Rivalität«

2016 stand für Frankfurts Fußballer Marco Russ im Schatten seiner Krebsdiagnose, dennoch schaut er recht positiv auf das Jahr zurück

  • Von Frank Hellmann,
Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.

Jahresrückblicke scheinen ja derzeit unausweichlich. Was waren die Höhen, was die Tiefen? Im Stadionmagazin von Eintracht Frankfurt hat nicht zufällig Marco Russ seine ganz persönliche Bilanz fürs ablaufende Jahr ziehen dürfen. »Kaum ein Adlerträger erlebte ein derartiges Wechselbad der Gefühle«, heißt es im Vorspann. Wohl wahr. Am 19. Mai dieses Jahres nimmt der Verteidiger, das Trikot über der Hose, die Stutzen fast über die Knie gerollt, seine Kinder Moses und Vida an die Hände, um sich vor der Fankurve einen letzten Applaus abzuholen.

Gerade hatte die Identifikationsfigur - mit kurzer Unterbrechung seit zwei Jahrzehnten für den Bundesligisten am Ball - eine tragische Geschichte im Relegationshinspiel gegen den 1. FC Nürnberg (1:1) geschrieben. Ihm war ein Eigentor unterlaufen, zudem hatte sich der 31-Jährige eine Gelbsperre eingehandelt. Und all das passierte, unmittelbar nachdem ihn die Ärzte mit einer schockierenden Diagnose konfrontiert hatten, die durch erhöhte Hormonwerte einer Dopingprobe erkannt worden war: Krebs. Auf eigenen Wunsch war er trotzdem aufgelaufen. »Ich wollte der Mannschaft unbedingt helfen«, sagt er rückblickend. »Ich habe während der 90 Minuten keinen Gedanken daran verschwendet.«

Als sich die Eintracht vier Tage später im Rückspiel rettete, lag der Defensivspezialist bereits im Krankenhaus - am Morgen war er operiert worden, abends verfolgte er die Partie aus dem Krankenbett. Es folgte eine lange Leidenszeit. Zwei Chemotherapien musste er über sich ergehen lassen. Seine Frau Janina weilte wieder eng an seiner Seite, obwohl sich beide kurz zuvor getrennt hatten. Das Schicksal schweißte die Familie eng zusammen. »Wir haben den Kindern gesagt, dass Papa Zellen im Körper hat, die wehtun, und dass man dagegen angehen muss.«

Wegen der Infusionen habe er während der ersten Chemo zeitweise 103 Kilo gewogen. Bei der zweiten waren es nur noch 85, »weil ich gar nichts mehr runterbekommen habe.« Zeitweise zog er sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurück und zeigte sich den Fans erst wieder bei der Saisoneröffnungsfeier im Sommer. Die Haare waren ihm ausgefallen, der Körper schwer gezeichnet, »aber es war ein schöner Tag, weil ich näher an die Mannschaft gerückt bin. Vorher ging das einfach nicht.«

Vorerst gilt Russ als geheilt - und schon arbeitet er am Comeback. »Ich laufe schon wieder 30 bis 35 Minuten am Stück.« Doch nach einem Koordinationstraining seien ihm kürzlich »die Waden komplett um die Ohren geflogen«. Aus medizinischer Sicht gebe es keinerlei Einschränkungen mehr, versichert Mannschaftsarzt Dr. Christoph Seeger. Russ will zum Trainingsstart am 3. Januar wieder bei der Mannschaft sein. Vielleicht kann der 276-fache Bundesligaspieler auch am Tag darauf mit ins Trainingslager nach Abu Dhabi fliegen. »Mein Wunsch ist es, in der Rückrunde wieder das Level zu erreichen, um dem Team helfen zu können - aber ich setze mich da nicht unter Druck«, betont der gebürtige Hanauer. Gestern noch Krebspatient, morgen wieder Stammspieler - so schnell geht das nämlich nicht.

»Marco ist im Aufbautraining. So schnell werden wir ihn nicht auf dem Platz sehen«, dämpft Trainer Niko Kovac eine übersteigerte Erwartungshaltung. Der Verein hatte dennoch demonstrativ im September den Vertrag mit Russ bis 2019 verlängert.

Dass ihm Menschen aus ganz Deutschland Mut zusprachen, habe ihn bewegt, sagt Russ. »Auch Kollegen und Fans anderer Vereine. Daran habe ich gemerkt, dass Solidarität in Deutschland viel größer ist als Rivalität.« Das Kämpferherz hatte damals sofort den Kontakt zu seinem langjährigen Mannschaftskollegen Benjamin Köhler (Union Berlin) gesucht, der an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war. Und er weiß heute, dass er es vergleichsweise besser hatte: Sein Tumor, zumal so früh erkannt, war mit besten Heilungsprognosen versehen. »Im Vergleich zu Bennys Krebs war meiner in Anführungszeichen Kindergarten«, sagte er jüngst.

Sein Rückfallrisiko liegt bei lediglich drei Prozent. Heute sagt er: »Ich kann jedem Mann nur raten, zur Prostata-Untersuchung zu gehen - das wird oft erst ernst genommen, wenn etwas passiert ist.« Trotz der Grenzerfahrungen habe er niemals an den Tod gedacht. »Die Ärzte haben erst gar keine negativen Gedanken aufkommen lassen.« Die Phase des Zittern und Bangens ist überwunden. »2016 steht für mich unter einem ganz besonderen Stern. Ich habe den Kampf gegen den Krebs gewonnen, wir sind nicht abgestiegen. Nun freue ich mich auf 2017.«

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