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Wo Menschen sich verwandeln - im Schlaf

  • Von ⋌Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 2 Min.

Das Foto könnte vielerorts entstanden sein. Es stammt, wie man erfährt, aus Sydney. Die Bilder von Alexander Paul Englert spiegeln globalisierte Realität: Vom Flughafen in Moskau geht es zum ehemaligen Frankfurter Polizeigefängnis, nach Kalifornien, Toronto, in den Engadin, nach Shanghai, Island, Santiago de Chile, an den Baikalsee. Dazwischen Fotos von Theateraufführungen. Die ganze Welt und die Kunst dazu? Immer ist in den Bildern etwas Rätselhaftes. Doch das weht ja auch aus dem Text herüber.

Traumdiebe - man kennt sie aus märchenhaften Kinderbüchern. Das sind Menschen oder Fabelwesen, die Macht über andere erstreben, was zur Folge hat, dass diese anderen sich irgendwann wehren und die Gerechtigkeit wieder hergestellt wird. So auch hier. Nur dass der Mann in Silke Scheuermanns Erzählung an fremden Träumen lediglich seine Neugier stillt und dafür mit Schlafmangel bezahlt. In Kinderzeiten hatte er das im Schlaflabor der Eltern geübt und damit aufgehört, als er erwachsen wurde. Als Unternehmensberater lebt er nun schon längst nicht mehr in einer phantastischen Welt.

Wie er wieder dort hineingerät, das erzählt Silke Scheuermann so, dass man dieses Buch nicht aus der Hand legen möchte. Sie erfand ein Hotel, das sich Auberge de Reve Herberge der Träume nennt, dort, »wo Hessen aufhört und Bayern beginnt«. Der Ich-Erzähler kommt im Sternerestaurant neben einem Paar zu sitzen: Mutter und erwachsene Tochter. Wobei ihn die Mutter mehr interessiert - ihrer sanften Stimme wegen. Und auch deshalb, weil er eine solche Mutter nicht hatte. War sie nicht eine geheimnisvolle Frau?

Wie das alles ausgeht und warum, das mag jeder, der liest, auf seine Weise deuten. Wer ist hier in wessen Träume geschlüpft? Hat doch ein Machtkampf stattgefunden, und warum endete das Buch so und nicht anders? Weil es von einer Frau geschrieben wurde natürlich. Muss man den Mann bedauern? Wird er nun ein anderes Leben beginnen? Aber womöglich war auch alles viel weniger kompliziert. Silke Scheuermann hat irgendwo in der Welt ein Hotel erlebt, das ihre Phantasie beflügelte. Oder sie dachte sich einen solchen Ort aus, wo Menschen sich verwandeln, von Bedrückungen frei werden - im Schlaf.

Irmtraud Gutschke

Silke Scheuermann: Traumdiebstähle. Bilder Alexander Paul Englert. Edition Faust. 104 S., Broschur im Schuber, 40 €.

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