Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Wunde Einsamkeit

Christina Maria Landerl über ein seltsames Haus

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 3 Min.

Einsamkeit ist ein wundes Tier. Sie sitzt nicht gelähmt und verstaubt in einer Ecke - sie puckert, pocht und schmerzt, sie durchwühlt Zimmer, raucht zu viel und legt immer die gleiche Platte auf. So jedenfalls stellt es sich dar im zweiten Roman der österreichischen Schriftstellerin Christina Maria Landerl.

Drei Frauen wohnen zusammen in einem Haus oder sind in ihm eingepfercht: Die eine im Keller, die will forschen, die andere im oberen Stockwerk, die will fotografieren, der dritten, Donna, gehört das Haus irgendwo in Amerika.

Die kurzen Sätze, die Stimmung, die aufgebaut wird, verleiten dazu, darauf zu warten, dass es Leichen im Keller gibt, dass sich das gruselige Foto aufklären lässt, das am Kühlschrank hängt, doch bald wird klar: So etwas lässt sich nicht klären. Denn die Spannung wohnt nicht in Geheimnissen, sie kommt von innen. Von der Isolation dreier Frauen, die doch Verbindungen zueinander schaffen in der Enge dieses Hauses, in der Begrenztheit der Zeit, die sie hier aneinander gebunden sind. Rauchen, Musik hören, Spiele spielen, Fernsehen und dieser unerbittliche Drang, dass da doch irgendwas rauszufinden sein muss, wenigstens über die Dritte.

So beschreibt dieser klug konstruierte Roman, der Spannung und Lakonie geschickt abwechselt, eines psychotischen Ausbruchs gleich die Zerstörung dessen, was einem lieb geworden ist, ohne, dass es dafür einen äußeren Grund gegeben hätte, außer der eigene Idiotenhaftigkeit. Doch auch nach der Katastrophe geht das Leben weiter, das ist die eigentliche Erkenntnis. Denn die Katastrophe, der Verrat, ist nicht das Ende, sondern Teil des Lebens - so wie auf den Sommer der Herbst folgt und nach einer Krankheit »die Augen glänzen wie gewaschen«.

Die Songtexte von Simon & Garfunkel sowie die Biografie der siamesischen Zwillinge Chang und Eng Bunker, deren Nachfahrin die Vermieterin sein will, funktionieren als Metatext, gleichzeitig aber auch als realistische Erzählung von Versuchen und Verzweiflungen an der Zweisamkeit.

Es ist eine ruhige, unaufgeregt Erzählstimme, die Landerl erschaffen hat, die klar und einfach das Grauen im Lapidaren beschreibt. Die scheinbare Ungezwungenheit einer ausgewählten Familie, das Glück, das in der Ungebundenheit an einen Ort und eine Geschichte liegt, das einem einen neuen, unkomplizierten Namen geschenkt hat wie Kathy oder Liz, eine fremde Sprache, die einen wie auf Zehenspitzen gehen lässt. Es ist ein Glück, das einen hinterrücks niederschlägt: mit der totalen Bedeutungslosigkeit, ein Nichts zu sein für praktisch alles und jeden.

Das, was man vorgibt zu tun - eine Doktorarbeit schreiben, ein Haus vermieten, ein Fotoprojekt verfolgen - entpuppt sich als das, was es ist: Zeit totschlagen und zwischendurch versuchen, ein Mensch zu sein.

In Ruhe gelassen werden und dazugehören wollen, der alte menschliche Konflikt, er wird auch hier nicht gelöst. Niemand gehört am Ende sich oder dem anderen, Koffer werden gepackt, Auf Wiedersehen, Hello dark-ness, my old friend.

Christina Maria Landerl: Donnas Haus. Müry Salzmann. 128 S., geb., 19 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln