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Zurück zur Rustikalität

Unter dem neuen Trainer Torsten Frings will Darmstadt 98 in der Bundesliga-Rückrunde zurück zu alten Tugenden

Das Darmstädter »Stadion am Böllenfalltor« ist anders als eine gewöhnliche Fußballarena. Nicht nur aufgrund seines Namens: Es heißt in dieser Saison, in Gedenken an einen an Krebs verstorbenen Fan, »Jonathan-Heimes-Stadion«. Sondern auch, weil es in der Bundesliga neben dem Berliner Olympiastadion das einzig verbliebene mit Laufbahn ist, die trotz der neu gebauten Hintertortribünen weiterhin hervorsticht. Im Gegensatz zu den anderen hochmodernen Fußballarenen mit großem VIP-Bereich und in Vereinsfarben leuchtenden LED-Lampen wirkt die Darmstädter Variante mit seinen alten, rustikalen Holzbänken wie aus dem Museum geklaut. Wer sonst nach München oder Leipzig geht, kann sich kaum vorstellen, dass hier noch Fußball gespielt wird.

Vielleicht ein treffendes Symbol: Denn der SV Darmstadt 98 wird immer noch wie ein Sonderling behandelt. So, als gehöre er eigentlich in ein anderes Zeitalter, als passe er in den Profisport des 21. Jahrhunderts irgendwie nicht so ganz hinein. Und es stimmt ja, dass in Darmstadt noch unter anderen Bedingungen gearbeitet wird, als bei der Konkurrenz. Auch die aktuelle sportliche Situation vor Beginn der Rückserie spricht nicht unbedingt dafür, dass mit Nostalgie in der Bundesliga noch etwas zu holen ist: letzter Tabellenplatz, nur acht Punkte.

Doch ist es nicht gerade diese Rustikalität, die den Darmstädtern in der vergangenen Saison nicht nur viele Sympathiepunkte, sondern auch den Klassenerhalt eingebracht hat? Mit einem extrem kampfbetonten, engagierten und willigen Auftreten hatte die Mannschaft so manchen Gegner das Fürchten gelehrt. Durch das Böllenfalltor kam niemand so leicht hindurch, das marode Stadion hielt vielen Stürmen stand. Und der Verein eroberte die Herzen zahlreicher Fußballanhänger.

Deshalb soll nun einer den Verein vor dem Abstieg retten, der selbst als Spieler ein großer Kämpfer war, der also in dieses eher rustikale Umfeld perfekt hineinpasst: Torsten Frings. Ende Dezember wurde er als neuer Trainer vorgestellt, am Dienstag begann nun mit dem Trainingsauftakt seine Mission Klassenerhalt. Und ohne große Umschweife sagte Frings auf der Pressekonferenz auch gleich, worauf es in der Rückrunde ankommen werde: »Glaube, Kampf, Wille - das werden wir in die Mannschaft reinfeuern.« Die »Frankfurter Rundschau« nannte ihn daraufhin den »Feuerentfacher«.

Dass die Mission, die Ruinen am Böllenfalltor wieder auferstehen zu lassen, kein Selbstläufer wird, ist klar. Für den Ex-Nationalspieler, der fast 400 Bundesliga- und 79 Länderspiele absolvierte, ist Darmstadt schließlich die erste Station als Cheftrainer. Mit seinen 40 Jahren ist er nicht viel älter als manche seiner Spieler. Der 33-jährige Peter Niemeyer etwa spielte früher bei Werder Bremen sogar noch mit ihm zusammen. Auch Kapitän Aytac Sulu attestierte Frings eine Menge Mut: »Man muss schon Eier in der Hose haben, um hier seine Trainerkarriere zu beginnen.«

Doch Frings, der schon zu aktiven Zeiten im defensiven Mittelfeld als solider Arbeiter galt, der auf dem Fußballplatz keinen Firlefanz veranstaltete, passt perfekt ins Anforderungsprofil der Darmstädter. Anders als sein Vorgänger Norbert Meier, der laut Sulu »eine Philosophie mit mehr Gewicht auf dem Spielerischen vertreten hat. Das war unter dem Strich nicht von Erfolg geprägt.« Drei Spieltage vor Weihnachten wurde Meier entlassen und durch Ramon Berndroth als Interimstrainer ersetzt. Doch auch Berndroth blieb in der Folge sieg- und torlos.

Umso größere Hoffnungen weckt nun Torsten Frings. »Er will den Hebel da ansetzen, wo es zuletzt gehapert hat. Wir wollen zurück zu unseren alten Tugenden«, sagte Sulu und erinnerte damit an die erfolgreichen Zeiten unter Dirk Schuster, als die Mannschaft nach dem Fast-Abstieg in die Regionalliga mit Glaube, Wille und Kampf bis in die Bundesliga durchmarschiert war. Diese Tugenden gingen unter Norbert Meier irgendwo verloren. Torsten Frings muss sie nun wiederfinden: zunächst im Trainingslager im spanischen San Pedro del Pinatar, wo es vor allem darauf ankommen wird, dass die Mannschaft ihren Teamgeist zurückgewinnt. Und schließlich zum Bundesliga-Rückrundenauftakt gegen das ebenfalls abstiegsbedrohte Mönchengladbach. Dann, so die Hoffnung der Darmstädter, soll das alte, rustikale Böllenfalltor wieder seinem ursprünglichen Zweck dienen.

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