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»Wir begehen also ein Unrecht!«

Wie der Siedlungsgedanke in die zionistische Ideologie gelangte. Von Julius H. Schoeps

  • Von Julius H. Schoeps
  • Lesedauer: 9 Min.

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Zu den großen Illusionen und Irrtümern der frühen zionistischen Bewegung zählte die Vorstellung, die jüdische Wiederbesiedlung Palästinas stieße auf keinen ernstzunehmenden Widerstand. Ein friedliches Miteinander zwischen Muslimen und Juden, zwischen »Mohammedanern« und Juden, wie das Theodor Herzl in seinem Roman »Altneuland« auf romantisch verklärende Weise beschrieben hat, ist bis heute nur ein frommer Wunsch geblieben. Die (Wieder-)Besiedlung der osmanischen Provinz und des späteren britischen Mandatsgebietes Palästina ist nicht konfliktfrei verlaufen und wirft bis heute schwerwiegende Probleme auf.

Die heutigen jüdischen Siedler im seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 von Israel besetzten Westjordanland unterscheiden sich fraglos gravierend von ihren Vorgängern, jenen zionistischen Pionieren, die im Vorfeld der Staatsgründung in erster Linie sich erhofften, durch die Rückkehr zum jüdischen Boden und durch dessen Besiedelung und Kultivierung sich selbst befreien zu können. Die internationale Forschungsliteratur der letzten Jahrzehnte hat sich eingehend mit der Frage befasst, wie der Siedlungsgedanke entstanden ist. Das Thema wird höchst kontrovers diskutiert, wobei jedoch einige Grundlinien in der Debatte erkennbar sind.

Es ist unbestritten, dass Vordenker wie Moses Hess, Leon Pinsker, Isaak Rülf und andere Frühzionisten, sich bereits Mitte beziehungsweise gegen Ende des 19. Jahrhunderts vehement für die Kolonisation und Besiedlung Palästinas eingesetzt haben. Strittig sind nur die Motive, die deren Bemühungen zu Grunde lagen. Sind es hauptsächlich religiöse Beweggründe gewesen? Oder spielten noch ganz andere Erwägungen eine Rolle?

Die Generation der frühen Zionisten vor und um Herzl träumte zweifellos von einer gerechteren Welt, einer Welt, die es Juden ermöglicht, genauso wie andere Menschen aufrechten Ganges durchs Leben zu gehen. Die Schaffung von sozialistischen Siedlungsgenossenschaften und die Unterstützung der »Chaluzim«, der Arbeiterpioniere, die sich schon Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts aufmachten, um in Palästina eine Reihe von Ackerbaukolonien zu errichten, hielt man für eine soziale Aufgabe, aber auch für eine moralische Verpflichtung. Bei den frühen Zionisten standen nicht so sehr religiöse Motive im Vordergrund. Es ging ihnen in erster Linie darum, den Juden vor den Verfolgungen und den Pogromen in Osteuropa einen halbwegs sicheren Zufluchtsort zu schaffen - in Palästina oder gegebenenfalls auf einem anderen Territorium irgendwo auf der Welt.

Die Überzeugung, dass es notwendig sei, Hilfe zu leisten, trieb beispielsweise Aktivisten vom Zuschnitt eines Paul Friedmann (1840 - nach 1911) an, der Juden auf der arabischen Halbinsel anzusiedeln gedachte, im Gebiet des einstigen biblischen Midian. Ähnliches gilt auch für den heute fast vergessenen US-Frühzionisten Adam Rosenberg (1858-1928), der sich ebenfalls wie Friedmann im Jahre 1891 auf den Weg machte, allerdings nicht auf die arabische Halbinsel, sondern nach dem zum Osmanischen Reich gehörenden Palästina, um dort im Auftrag der Chibbat-Zion Bewegung ihm geeignet erscheinendes Land für die Kolonisation aufzukaufen. Friedmann wie Rosenberg, typische Protagonisten der Vor-Herzl-Ära, waren fest davon überzeugt, dass es auch für die Juden eine gerechtere und menschlichere Zukunft geben könnte. Das müsse kein unerfüllbarer Traum bleiben.

Wieweit im Denken der Frühzionisten die tradierten biblischen Verheißungen eine Rolle spielten, ist strittig. Man kann aber davon ausgehen, dass dies in einem gewissen Maße der Fall war. Es gibt etwa 50 Bibelstellen, die allesamt die Landverheißung thematisieren. Demnach hat Gott den Juden Kanaan als »ewigen Besitz« zugesprochen (»Eure Kinder führe ich in dieses Land/ nach Kanaan, das auf ewig das Los eures Erbteils ist«). Die Aktivisten der ersten Stunde waren sich der gefühlten Bindung der Juden an das »Heilige Land« durchaus bewusst, auch wenn sie den Befehl Gottes an Abraham »Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will« (Genesis 12, 1) wohl nicht allzu wörtlich nahmen.

Unbestritten ist, dass es zahlreiche zionistische Denker gab, die fest davon überzeugt waren, die Geschichte des jüdischen Volkes sei keine normale Geschichte, sondern eine Heilsgeschichte. Im Fall von Herzl wissen wir jedenfalls, dass er sich selbst zwar nicht als Messias, aber doch durchaus als jemand gesehen hat, dem die Rolle des Befreiers zufallen könne, sei es seitens seines Volks, sei es seitens der Geschichte. Die Mission, die er glaubte wahrnehmen zu müssen, stieß auf breite Zustimmung. Selten zeigte sich das deutlicher als bei seinem Auftritt auf dem Zionistischen Kongress in Basel 1897. Als Herzl dort zum ersten Mal an das Rednerpult trat, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Man klatschte mit den Händen, trampelte mit den Füßen und schwenkte Tücher. Es ertönte der Ruf: »Jechi Hamelech! Lang lebe der König!«. Manche der überlieferten Augenzeugenberichte lassen die Erregung des Augenblicks noch im Nachhinein spüren. »Es ist nicht mehr der elegante Dr. Herzl aus Wien«, äußerte sich zum Beispiel der Schriftsteller Mordechai Ben Ami, »es ist ein aus dem Grabe erstandener königlicher Nachkomme Davids, der vor uns erscheint, in der Größe und Schönheit, mit der Phantasie und Legende ihn umwoben haben«.

Mit Herzl und seinen Mitstreitern wurde der Gedanke, »Eretz Israel«, das Land der Väter, durch Besiedlung wieder in Besitz zu nehmen, ein zentraler Bestandteil der zionistischen Ideologie. Doch wie stark griff und greift hierbei rationales Denken, und wie stark religiöses Sendungsbewusstsein? Hat das eine das andere möglicherweise abgelöst, substituiert? Seit den 1970er Jahren und noch heute verstehen sich die neuen Siedlergruppierungen wie »Gusch Emunim« (Block der Getreuen), deren geistige Väter der Rabbiner Abraham Kook (1865-1935) und dessen Sohn Zvi Yehuda HaCohen Kook (1891-1982) sind, als eine religiös-zionistische Erneuerungsbewegung. Der Typus des neuen Siedlers, der es gewissermaßen als seine religiöse Pflicht betrachtet, sich im Westjordanland oder in Siedlungen rund um Jerusalem niederzulassen, sieht die Gründung Israels als Teil eines Erlösungsprozesses, zu dem insbesondere auch die Inbesitznahme und Besiedlung von ganz »Eretz Israel« gehört. Es sind Überzeugungen, die auf messianischen Vorstellungen fußen, auf der Heiligkeit des Volkes Israel, der Heiligkeit des Landes und der Heiligkeit der Thora. Die Gründung des jüdischen Staates, die Besiedelung des Westjordanlandes wird denn auch als erstes Zeichen der beginnenden Erlösung gedeutet.

Schauen wir etwas näher darauf, ob sich die heutigen religiösen Siedler in ihren Vorstellungen und Zielen tatsächlich auf die Vordenker des frühen Zionismus berufen können. Ernsthafte Zweifel sind angebracht. Denn in den programmatischen Schriften von Hess, Pinsker und Herzl finden sich keine dezidiert religiös fundierten Erlösungsvorstellungen, auch wenn biblische Bezüge vorhanden sind. Hess beispielsweise spricht zwar vom »Heiligen Land« und von der »Rückkehr ins Land der Väter«, vertritt aber in seiner Programmschrift »Rom und Jerusalem« die Ansicht, dass »Colonisationen« (gemeint sind die Siedlungsmaßnahmen, d. V.) nicht bloß aus Begeisterung für eine Idee entstehen, sondern diesen ein klares Bedürfnis zu Grunde liegen müsse. Jenes sei kein religiöses, sondern ein sozioökonomisches. Notwendig sei es, den Juden dieses auch zu vergegenwärtigen. Nur dann, so Hess, könne man sie dazu bringen, in das »Land der Väter« auszuwandern. Die Zionisten der ersten Stunde träumten von einem souveränen »jüdischen Staat«, womit sie aber auch die Konstituierung einer freien Gesellschaft meinten, in der Juden als Gleiche unter Gleichen leben können.

Was den Begriff »Eretz Israel« betrifft, so hat sich im Verlauf der Jahre ein erkennbarer Bedeutungswandel vollzogen. Unter diesem Terminus begann man, zunehmend nicht mehr das in den Gebeten gepriesene »Heilige Land« zu verstehen, das »Land der Väter«, sondern das »Verheißene Land«, was ein wesentlicher Unterschied ist und verdeutlicht, dass Palästina für viele Zionisten mehr ist als nur ein zu besiedelndes Territorium.

Auffällig ist, dass die meisten Siedler damals wie heute keine präzisen Vorstellungen von den Grenzen des Landes entwickelt haben, mit dem sie sich eins fühlen. In der Regel beriefen und berufen sie sich bei der Landnahme auf Mose (4. Moses 34, 1-12) und Hesekiel (47, 13-20), wonach nicht der Mensch, sondern Gott die Grenzen Israels festgeschrieben habe. Das Territorium, um das es dabei geht, sei zwischen dem Euphrat und dem Nil gelegen. Es sind verheißene Grenzen, aber keine Grenzverläufe, denen man heute völkerrechtliche Legitimität zusprechen könnte. Doch bis heute sehen zumindest jene Israelis, die sich dem national-religiösen Lager zugehörig fühlen, die im Sechs-Tage-Krieg besetzten Territorien (»Judäa und Samaria«) nicht als im Krieg eroberte Gebiete, sondern als »befreites Land« an. Mit der Besetzung dieser Gebiete sei Gottes Wille umgesetzt und der Prozess der messianischen Erlösung eingeleitet. Die religiösen Maximalisten unter den Siedlungsideologen lehnen es daher strikt ab, die eroberten Gebiete wieder aufzugeben, denn ein solcher Schritt, so meinen sie, würde dem Willen Gottes zuwiderlaufen.

Es steht heute außer Frage, dass jede neue jüdische Siedlung in der Westbank oder in den Territorien rund um Jerusalem den israelisch-palästinensisch-arabischen Konflikt zusätzlich »anheizt« und die ohnehin schwierigen Bemühungen um einen Frieden erschwert. Dies wirft die Frage auf, ob der Siedlungsgedanke nicht doch als eine Art Geburtsfehler des Zionismus gelten muss. Ist er, so fragt man sich, nicht das eigentliche Hindernis, das dem friedlichen Miteinanderleben der Menschen in der Region entgegensteht?

Ein Blick in die historischen Quellen zeigt, dass man sich des Problems in den Anfängen der zionistischen Bewegung durchaus bewusst war. Die Siedlungsaktivitäten brachten schon damals Konflikte zwischen Zuwanderern und palästinensischen Arabern. Insbesondere diejenigen, die nicht religiös, sondern säkular eingestellt waren, erkannten die Gefahren. Einer derjenigen, der früh hellsichtig warnte, war der Philosoph und Journalist Asher Ginsberg (Achad Haam). In zwei Aufsätzen, die er nach seinen Palästina-Reisen 1890 und 1893 veröffentlichte, machte er darauf aufmerksam, dass jeder, der dort Grund und Boden ankaufen wolle, dies nach Herzenswunsch tun könne, aber dass es auch Araber gäbe, die auf den dortigen Ländereien lebten. In seinem Bericht »Die Wahrheit aus Palästina« kommt er zu der Erkenntnis: »Wir im Ausland pflegen zu glauben, dass die Araber alle Wilde seien, die auf thierischer Stufe stehen und für das, was um sie hervorgeht, keinen Blick haben. Das ist aber ein großer Irrtum«. Ginsburg prophezeite eine Zeit, »wo sich das Leben unseres Volkes in Palästina so weit entwickelt hat«, dass die arabisch-palästinensische Landbevölkerung sich auflehnen und den Neuankömmlingen entgegenstellen werde. Der Streit, meinte er, würde sich an der Bodenfrage entzünden.

Unter Umständen hätten sich die zionistischen Pioniere der Frühzeit mit den in Palästina lebenden Arabern arrangieren können - wenn sie die Notwendigkeit einer solchen Übereinkunft eingesehen hätten. Unstimmigkeiten wären möglicherweise vermieden und so manche Probleme, die den israelisch-arabisch-palästinensischen Konflikt als unlösbar erschienen lassen, vielleicht schon vor 1948 aus der Welt geschafft worden. Die zumeist aus Zentraleuropa stammenden zionistischen Führungseliten waren jedoch von der Illusion bestimmt, sie würden in ein politisches Vakuum stoßen. Die meisten kamen gar nicht auf den Gedanken, dass in Palästina neben Juden und Christen auch Muslime ansässig sein könnten. Bezeichnend ist ein Ausspruch, den Max Nordau angeblich gegenüber Herzl getan hat: »In Palästina gibt es ja Araber! Das wusste ich nicht! Wir begehen also ein Unrecht!«

Professor Julius H. Schoeps, geboren 1942 im schwedischen Exil in einer berühmten jüdischen Gelehrtenfamilie, war Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Wien sowie der Moses Mendelssohn Akademie in Halberstadt, ist Vorsitzender der Moses Mendelssohn Stiftung und Autor zahlreicher Bücher. Bei dem vom Autor dem »nd« zur Verfügung gestellten Text handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem umfangreichen Aufsatz » Is there Still a Future for Settlements in Zionist Ideology?« im von Schoeps mitherausgegebenen, kürzlich erschienenen » Handbook of Israel. Major Debates« (DeGruyter).

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