Einmal Stasi, immer Stasi

Andrej Holm stellt sich auf einer Podiumsdiskussion seiner Vergangenheit

»Für mich ist Andrej Holm zunächst ein Opfer des SED-Regimes«, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk am Anfang dieses turbulenten Freitagabends. Jeder, der als Teenager zu solch weitreichenden Entscheidungen wie einer Stasikarriere genötigt worden sei, sei ein solches Opfer, so der Historiker weiter. Mit 14 Jahren hatte Holm sich zu einer Offizierslaufbahn beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verpflichtet. Ein übliches Alter in der DDR für solche Festlegungen. Mit 18 trat er die Ausbildung an, nicht einmal ein halbes Jahr später, Anfang 1990, wurde die Stasi aufgelöst und Holm entlassen. Es sei »nicht gerecht«, dass Holm 27 Jahre später die Entscheidungen aus so einem Alter nachhängen, sagt Kowalczuk.

Der Titel der von der Robert-Havemann-Gesellschaft organisierten Podiumsdiskussion lautet: »Einmal Stasi – Immer Stasi? Der ›Fall Andrej Holm‹ und der gesellschaftliche Umgang mit der jüngsten Vergangenheit«. Auf der Bühne treffen der für die Stasi-Unterlagenbehörde arbeitende Kowalczuk sowie Andrej Holm, Staatssekretär für Bauen und Wohnen (parteilos, für die LINKE), aufeinander. Dessen Ernennung sorgt seit Wochen für scharfe Diskussionen. Inzwischen geht es hauptsächlich um die Frage, ob er einen Personalfragebogen der Humboldt-Universität (HU) bewusst falsch ausgefüllt hat und wenn ja, wie gravierend das ist. Er hatte dort eine hauptamtliche Tätigkeit für das MfS verneint. Nach eigenen Aussagen sei er davon ausgegangen, dass er erst nach Ende der Ausbildung hauptamtlich tätig gewesen wäre.

Es ist voll im »Bildungszentrum Sebastian Haffner« in Prenzlauer Berg. 250 Menschen haben sich in den Saal hineingequetscht. Weitere 50 stehen im Treppenhaus, skandieren »Tür auf«, bis schließlich ein Lautsprecher aufgestellt wird, um die Veranstaltung zu übertragen.

Kowalczuk sagt, er könne »gut verstehen«, dass Holm sich 2005 dafür entschied, auf dem HU-Personalfragebogen eine hauptamtliche Tätigkeit für das MfS zu verneinen, schließlich handele es sich um eine »abverlangte Lüge«, um an der HU angestellt zu werden. Jedoch: »Ich kann weder nachvollziehen noch glauben, dass Holm nicht wusste, was er war.« Mit dem falschen Kreuz habe er seine Glaubwürdigkeit als Staatssekretär aufs Spiel gesetzt.

»Können Sie sich wirklich nicht erinnern?«, fragt auch Ulrike Bieritz, Moderatorin und Redakteurin beim »rbb-Inforadio«. »Man erinnert sich an das, an was man sich erinnert«, antwortet Holm. »Auch wenn es absurd klingen mag.« An seine in den Kaderakten verzeichneten zwei Vorbereitungstreffen mit MfS-Mitarbeitern für eine hauptamtliche Laufbahn könne er sich nicht erinnern. Die Wende sei für ihn eine Befreiung gewesen. »Sie hat mich aus einer Situation gerettet, in der ich größere Schuld auf mich geladen hätte.« Denen, die es wissen wollten, habe er in den vergangenen Jahrzehnten gesagt, was er gemacht habe, so Holm. Es sei für ihn selbst »schwer nachvollziehbar«, dass er angeblich nicht die Wahrheit sage. »Meine Erinnerungen scheinen immer die falschen zu sein.«

»Hättest du mich vor sechs Wochen als Berater gefragt, hätte ich akzeptieren müssen, dass du dich nicht erinnerst«, sagt Kowalczuk. Holm und er scheinen sich zu kennen – sie duzen sich. »Lies ein Standardwerk über die Stasi, mach danach eine Pressekonferenz und sprich über alles Schlechte, was Du gemacht hast«, das wäre sein Rat gewesen. Zwar nannte der Historiker dies im Verlauf einen ironischen Kommentar zur öffentlichen Geschichtsaufarbeitung. Doch letztendlich hätte es wahrscheinlich genau so funktioniert.

»Es geht nicht um meine Stasikarriere, es geht um ein falsches Kreuz in einem Fragebogen«, sagt Holm und äußert so sein Unverständnis über den Verlauf der Debatte. »Die Wohnungspolitik hat mich viel mehr beschäftigt als die Frage, wie die Leute auf meine Biografie reagieren.«

Kowalczuk kritisiert, dass der Senat die Entscheidung der HU abwarte, wie diese arbeitsrechtlich mit den Angaben im Personalfragebogen umgehen werde, statt eine politische Entscheidung zu treffen. Ein Rücktritt oder die Entlassung Holms wäre »ein Sieg des Indifferenten«. Jede dieser Entscheidungen, auch die, zu bleiben, werde »fehlerbehaftet« sein.

»Zieht eine Partei wie die LINKE nicht auch Menschen mit so einer Biografie an?«, fragt Moderatorin Bieritz – und erntet viele Buhrufe aus dem Publikum. Die Fragen der Zuschauer decken das bereits aus den Medien bekannte Spektrum ab. »Du warst Mitglied einer Verbrecherorganisation«, sagt ein ehemaliger politischer Häftling der DDR. »Bigott« sei die Diskussion über Glaubwürdigkeit, sagt ein anderer Besucher, angesichts des aus dem Hintergrund agierenden Gegners, der Immobilienwirtschaft mit ihren Profitinteressen. Am 12. Januar erwartet die HU Andrej Holms Stellungnahme. Die Diskussion wird damit nicht enden.

Lesen Sie auch den Kommentar von Kurt Jotter zu Causa Holm.

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