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Das Frühstück wird abgeseilt

Mehr als gute Nachbarn in einem Hamburger Hochhaus: Alwin, Feria und Ursula

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Nachbarschaftshilfe - ein Thema der Vergangenheit? Dafür gibt es doch bestimmt eine App? Von wegen: Tätige Hilfe unter Nachbarn gibt es auch heute noch. Ein besonders berührendes Beispiel bietet die Wohnanlage der Lehrerbau-Genossenschaft in Hamburg-Lokstedt, in der zwei Nachbarn einer Seniorin zur Seite stehen.

Frühstückszeit am Rimbertweg. Alwin Rath (52) befestigt ein kleines, mit Leckereien vollgepacktes Körbchen an einem Seil und lässt es auf den direkt darunter liegenden Balkon heruntergleiten. Eine Etage tiefer nimmt die durch einen Telefonanruf informierte Ursula Sass (95) den Korb entgegen. Darin befindet sich ein komplettes Frühstück: frische Brötchen, duftender Kaffee und manchmal auch ein Frühstücksei, viereinhalb Minuten, am liebsten bio. So geht das seit rund einem halben Jahrzehnt jeden Morgen, jedenfalls wenn Alwin Rath und sein Mann Feria Richard Rath-Krause (70) nicht verreist sind.

Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen der ehemaligen Lehrerin für Deutsch, Biologie und Geografie sowie dem seit 2008 verheirateten Paar besteht seit einem zufälligen Aufeinandertreffen in dem achtstöckigen Hochhaus. »Ich begegnete ›Ferry‹ zufällig im Fahrstuhl, wir kamen ins Gespräch und mochten uns sofort«, erzählt Ursula Sass. Es folgten Telefonate, gegenseitige Besuche und Verabredungen zum Essen. »Wir haben für Ursula gekocht«, erzählt »Ferry«, »und sie hat uns zum Italiener eingeladen.« Aus den Treffen entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen den drei Nachbarn, die sich gegenseitig unterstützen und helfen, wie beide Partien betonen.

Die Drei pflegen einen rührenden Umgang miteinander. Sie feiern Weihnachten und Silvester gemeinsam. Seit Ursula Sass nicht mehr so gut zu Fuß ist, erledigen Alwin und Feria auch die Einkäufe. Wenn die Putzfrau von Frau Sass mal keine Zeit hat, saugen sie auch den Teppich. Und wenn sie frische Äpfel mit einem Kartengruß »vom Apfelbaum« abseilen, liegt bei der nächsten Transaktion ein Dankesschreiben für das »liebe Alwinchen« von »Ursele« bei. Nur die Besuche von Oper, Ballett und Theater, zu der die Seniorin ihre Freunde früher einlud, sind nicht mehr möglich, weil ihre Beine nicht mehr mitmachen. Ursula Sass wohnt bereits seit 1964 im Rimbertweg. Zusammen mit ihrem Mann, der im Jahr 1926 zu den Gründungsmitgliedern der Lehrerbau-Genossenschaft zählte, gehörte sie zu den ersten Mietern in der Wohnanlage in Hamburg-Lokstedt. Zu ihrem 95. Geburtstag gratulierte Caroline Brand-Illner im Namen der Lehrerbau-Genossenschaft mit einem großen Blumenstrauß. So erfuhr die Genossenschaftsverwaltung bei einer Tasse Kaffee und Keksen von der außergewöhnlichen Form der Nachbarschaftshilfe. »Ein großes Lob und besten Dank an die beiden Herren für so viel Engagement. Sie erfüllen den genossenschaftlichen Gedanken mit Leben«, zeigt sich Lehrerbau-Vorstandsmitglied Martin Siebert beeindruckt.

Zum Abschied gesteht Ursula Sass, die in einer »vornehmen Gegend in Hamburg« aufgewachsen ist, dass in ihrer Familie über Genossenschaften mit gerümpfter Nase gesprochen wurde: »Die waren eingebildet. Heute empfinde ich die Lehrerbau wie eine große Familie - dank meines Mannes, der ein überzeugter Genossenschaftler war.«

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