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Ein kompetenter Insider der russischen Moderne

»Nekropolis« - Wladislaw Chodassewitschs Erinnerungen zum ersten Mal auf Deutsch

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 4 Min.

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Als Wladislaw Chodassewitsch 1939 in Paris an Krebs starb, schrieb Vladimir Nabokov: »Dieser Dichter, der größte unserer Zeit, ein literarischer Nachfahre Puschkins in der Linie Tjutschews, wird der Stolz der russischen Dichtung bleiben, solange die letzte Erinnerung daran lebendig ist.« Lange Zeit von Kritik und Literaturgeschichte vernachlässigt, gilt Chodassewitsch heute in Russland und in slawistischen Fachkreisen tatsächlich als einer der bedeutendsten Dichter und brillantesten Chronisten seiner Zeit. Während die Lyrik des Autors in Deutschland relativ gut repräsentiert ist, werden uns jetzt mit dem Band »Nekropolis« wichtige Teile der Prosa Chodassewitschs durch den Mainzer Slawisten Frank Göbler zugänglich gemacht, der die Texte auch exzellent übersetzt hat.

Der 1886 in Moskau geborene Chodassewitsch träumte von einer Karriere als Tänzer, stürzte sich jedoch mit 18 Jahren in das literarische Leben Moskaus, schrieb Gedichte, Feuilletons und Rezensionen. Als »Nachzügler« der Symbolisten schloss er sich keiner Strömung an, kannte jedoch fast alle bedeutenden Autoren und wurde so zu einem kompetenten Insider der russischen Moderne. Er hielt Puschkinvorlesungen im Proletkult und leitete die Filiale des von Gorki begründeten Verlages »Weltliteratur«. 1922 übersiedelte Chodassewitsch mit der späteren Schriftstellerin Nina Berberowa nach Berlin, wo er gemeinsam mit Gorki die Literaturzeitschrift »Gespräch« redigierte. Später lud Gorki ihn und Nina Berberowa in seine Villa bei Sorrent ein. Von 1925 bis zu seinem Tod schlug sich Chodassewitsch in Paris als Literaturkritiker durch.

Der jetzt vorliegende Prosaband besteht aus zwei Teilen: der Sammlung »Nekropolis« mit neun Dichterporträts aus Zeitungen und Zeitschriften der russischen Emigration in Frankreich, die für die Buchausgabe von 1939 überarbeitet wurden, und elf Texten mit unterschiedlicher Thematik (Autobiografisches, »Haus der Künste«, Proletkult u. a.). Bei den Dichterportraits nehmen die Symbolisten den größten Raum ein. Alexander Blok, der manchmal gegen den Symbolismus rebellierte, war in Chodassewitschs Augen einer der reinsten Symbolisten, Mystiker und Verehrer der Schönen Dame, obwohl er lästerliche Verse über sie schrieb. Dichtung war für ihn untrennbar mit dem Leben verbunden. Chodassewitsch pocht darauf, dass des Dichters politische Haltung sich am deutlichsten in der Puschkinrede vom Februar 1921 verkörpere, in der Blok »schöpferische Ruhe« und »geheime Freiheit« verlangt. Von Andrej Belyj sagt Chodassewitsch, er habe größeren Einfluss auf ihn gehabt als sonst irgend jemand. Der Autor toleriert Belyjs Widersprüchlichkeit, die ständigen Aufwallungen des Herzens und des Schaffens, die öffentlichen Skandale, Improvisationen, Streitgespräche über die kompliziertesten Fragen der Verstechnik. Er leidet mit Belyj, der 1922/23 in Berlin seine Seelenqualen in betrunkenen Tänzen und obszönen Pantomimen auslebt. Belyj habe die Revolution ganz anders verstanden als die Bolschewiki. Über Waleri Brjussow heißt es, er und seine Gedichte hätten wie eine Verknüpfung von dekadenter Exotik mit biederer Moskauer Bürgerlichkeit gewirkt. Peinlich berührt Chodassewitsch die schulmeisterliche Haltung des Maîtres, den der Sinn von Gedichten überhaupt nicht zu interessieren scheint.

Über keinen Zeitgenossen schreibt Chodassewitsch so ausführlich wie über Sergej Jessenin, dessen Selbstmord ihn schwer erschüttert. Die Grundlage der frühen Dichtung Jessenins sei die Liebe zur Heimat, zu Russland als Dorf mit seinen Bauernhütten, Wäldern und Feldern, nicht zu dem Land mit politischen und gesellschaftlichem Leben, Städten, Fabriken, Universitäten und Theatern. Bäuerlich-religiöse Vorstellungen würden in einer fertigen christlichen Terminologie und in gänzlich heidnischen Formen ausgedrückt. Linke Sozialrevolutionäre wie Iwanow-Rasumnik hätten Jessenin den Gedanken aufgepfropft, Russland müsse »Inonien« werden, ein neuer Staat, der auf einer religiös-sozialistischen Grundlage steht. Jessenin sei in eine Sackgasse geraten: »Er sagte sich von Gott im Namen der Liebe zum Menschen los, der Mensch aber nahm nur das Kreuz von der Kirche, hängte Lenin an die Stelle der Ikone und schlug statt der Bibel Marx auf.« Indes sei Jessenin in seinem Schaffen und vor seinem Gewissen unendlich wahrhaftig gewesen, habe keine Angst gehabt, Fehler einzugestehen, habe das, wozu ihn andere verführten, auf sich genommen und sei bereit gewesen, dafür einen schrecklichen Preis zu zahlen.

Das Porträt Gorkis von 1936, eine glänzende psychologische Studie des väterlichen Freundes, gibt in erster Linie Einblick in dessen private Lebensverhältnisse und Alltagsgepflogenheiten in Russland und während der zeitweiligen Emigration. Es bestätigt noch einmal die hohe Qualität der literaturkritischen Prosa Wladislaw Chodassewitschs über die Epoche der russischen Moderne.

Wladislaw Chodassewitsch: Nekropolis. Portraits. Essays. Erinnerungen. Herausgegeben und aus dem Russ. von Frank Göbler. Verlag Helmut Lang. 435 S., geb., 28 €.

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