Von Andreas Fritsche
 und Wilfried Neiße
11.01.2017

Garnisonkirche mit Segen von links?

Die Linksjugend denkt, Fraktionschef Christoffers habe eine Position der Partei aufgegeben

Fassadenfragmente der einstigen ...
Fassadenfragmente der einstigen Potsdamer Garnisonkirche am historischen Standort

Die Linksjugend solid ist stinksauer auf Ralf Christoffers, den Linksfraktionschef im Landtag. »Von einer selbst erklärten Friedenspartei muss, gerade in Zeiten der Aufrüstung, ein kritischer Blick und ein klares Signal erwartet werden«, schimpft am Mittwochmorgen Tina Lange vom Landessprecherrat der Linksjugend.

Was war geschehen? Christoffers hatte sich am Montag mit dem evangelischen Bischof Markus Dröge getroffen und nachher am Dienstag wissen lassen, die LINKE sei einverstanden mit dem Versöhnungskonzept für den umstrittenen Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche – wenn, ja wenn die Baumaßnahme wie ursprünglich versprochen allein aus Spenden finanziert wird.

Tina Lange ist empört. Die Linksfraktionsspitze setze sich »vollkommen grundlos« über Beschlüsse der Partei und den erklärten Willen eines Großteils ihrer Wähler in Potsdam hinweg. Iris Burdinski, ebenfalls im Landessprecherrat von solid, fügt hinzu: »Egal welches Konzept auf den Tisch gelegt wird: Ein Wiederaufbau ist ein Wiederaufbau und aus einer Militärkirche kann man keine Friedenskirche zaubern.« Die Linksfraktion mache sich hier »zum Steigbügelhalter erzkonservativer Militarisierungsfans«. Dabei dürfe es »keine Versöhnung mit dem deutschen Faschismus« geben, dessen Symbol diese Kirche sei.

Bekanntlich drückte Adolf Hitler am 21. März 1933 vor der Garnisonkirche die Hand des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Das Bild von diesem historischen Ereignis steht für die Allianz von Faschisten und preußischen Militaristen. Solid bekundet, weiter zur Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche zu halten.

Christoffers hat allerdings gar keinen Schwenk gemacht, wie er am Mittwoch bestätigte. Er hat lediglich an eine ältere Position seiner Partei angeknüpft. Um dies zu verstehen, muss man die Geschichte der Reihe nach erzählen. In den 1990er Jahren sammelte die ultrakonservative Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel (TPG) um den Bundeswehroffizier Max Klaar Geld für einen hundertprozentig originalgetreuen Wiederaufbau der Garnisonkirche. Dann nahm sich die evangelische Landeskirche der Sache an und entwickelte ein Bau- und Nutzungskonzept, das der TPG nicht passte. Die TPG weigerte sich, dafür die Millionensumme herauszugeben, die sie schon beisammen hatte.

LINKE wie Stadtfraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg akzeptierte das neue Konzept unter der Bedingung, dass wirklich keine öffentlichen Mittel für das Projekt eingesetzt werden. Es entstand aber eine neue Lage, als der Bund ankündigte, für die Garnisonkirche zwölf Millionen Euro springen zu lassen. In diesem Moment unterstützte die LINKE im Jahr 2014 einhellig ein Bürgerbegehren, bei dem 14 285 gültige Unterschriften zusammenkamen. Allerdings war die Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche mit ihrem Begehren zu spät gekommen. Die Baugenehmigung war bereits erteilt, und so konnte das Begehren lediglich die Auflösung der Stiftung Garnisonkirche fordern, aber den Willen der Bürgerinitiative zu diesem Zeitpunkt nicht mehr durchsetzen.
Tatsächlich ist die Haltung zur Garnisonkirche innerhalb der Linkspartei nicht völlig einheitlich. Es gibt jüngere und ältere Genossen, die den Wiederaufbau mit guten Gründen generell ablehnen. Es gibt aber genauso jene, die zwar nicht begeistert von dem Projekt sind, die aber die Stiftung bei einer reinen Spendenfinanzierung und bei einem Anti-Kriegs-Konzept würden machen lassen.

Christoffers hat also mit seiner Aussage keinen Kurswechsel eingeleitet. Es ließe sich sogar hineinlesen, dass er dem Bischof indirekt bedeutete, solange die LINKE ein Wörtchen mitzureden habe, werde es keinen Zuschuss vom Land Brandenburg geben. Hat Christoffers dem Bischof unter vier Augen irgendwelche anderslautenden Zusagen gemacht? Nein, beteuert er.

Der Landtagsfraktionschef und der Bischof redeten am Montag nicht nur über die Garnisonkirche. Übereinstimmung habe darin bestanden, so sagte Christoffers hinterher, dass in ein Klima der Toleranz erhalten bleiben müsse. Christoffers zitierte den den Reformator Martin Luther: »Unser Nächster ist jeder Mensch, besonders der, der Hilfe braucht.« Ob sozial Schwache, Pflegebedürftige oder Flüchtlinge, es dürfe »keine Vergessenen und Ausgegrenzten geben«, betonte der Fraktionschef.

Der Bischof erklärte nach dem Termin, er nehme mit Respekt wahr, »wie die LINKE sich für sozialen Gerechtigkeit« einsetze. Es sei hilfreich gewesen, sich »über trennende Erfahrungen der Vergangenheit« auszutauschen, sagte Dröge. Er begrüße, dass die LINKE sich der differenzierten Aufarbeitung der DDR-Geschichte stelle.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken