Werbung

Hinter Tunnel und sieben Bergen ein kleines Stück uraltes Europa

Auch die Hafenstadt Pafos litt in Zypern unter Finanzkrise und Korruption und will zeigen, dass man sich davon mit einem radikalen Neuanfang frei gemacht hat

  • Von Christiane Sternberg, Nikosia
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Nach 2000 Jahren bekommt Pafos endlich wieder internationale Bedeutung. Denn die ehemalige Hauptstadt der antiken Insel Kypros, zwischenzeitlich abgeschlagene Provinzmetropole im Westen Zyperns, trägt dieses Jahr den Titel Europäische Kulturhauptstadt. Als erste zyprische Stadt, die mit dieser Ehre bedacht worden ist, wird sie nicht nur die Schönheit des kulturellen Erbes und die Kreativität der zeitgenössischen Kunst der Republik Zypern präsentieren, sondern auch das Durchhaltevermögen und die Flexibilität ihrer Einwohner. Denn im selben Jahr, als Pafos den Zuschlag als Kulturhauptstadt bekam, erlitt die Wirtschaft des Landes einen Kollaps.

Von 2013 bis 2016 lebte und litt Zypern unter dem Euro-Rettungsschirm. Die zweitgrößte Bank des Landes wurde liquidiert, die Staatsausgaben wurden reduziert und zwangsläufig auch die Mittel für Kultur drastisch zusammengestrichen. Für das Projekt der Kulturhauptstadt blieben, nachdem auch wichtige Sponsoren abgesprungen waren, gerade mal 8,5 Millionen Euro übrig, ein Drittel des geplanten Budgets. Und wohl das kleinste, das je eine Europäische Kulturhauptstadt zur Verfügung hatte.

Dennoch hat Pafos ein respektables Programm auf die Beine gestellt. Die Organisatoren spielen mit der zyprischen Variante des Berliner Slogans »Arm, aber sexy«. Das Konzept heißt »Open Air Factory« - Freiluftfabrik. Genutzt werden die vielen vorhandenen archäologischen Stätten als Bühnen und Kulissen. In den Straßen und auf Plätzen wird es Aufführungen und Veranstaltungen geben. Da spielt natürlich das schöne Wetter auf der Sonneninsel den Planern in die Hände. Stars der internationalen Musikszene wie die Berliner Philharmoniker, Goran Bregovic und Ute Lemper sorgen für den Glamour-Faktor.

Das eigentliche Highlight aber sind die Bewohner von Pafos, die Pafiti, wie sie in Zypern mit gutmütiger Herablassung genannt werden. Die Hafenstadt liegt hinter den sieben Bergen, auf der Autobahn nur durch den einzigen Tunnel der Insel zu erreichen. Und dennoch hat Pafos allen anderen Städten etwas voraus. Sein Bürgermeister Phedonas Phedonos ist eine Lichtgestalt in der zyprischen Politikszene. Ihm wurde im Dezember eine Auszeichnung der Organisation Transparency International Cyprus verliehen - für seinen Mut, Korruption offen zu bekämpfen.

Phedonos wurde vor zwei Jahren als Stadtoberhaupt gewählt, nachdem sein Vorgänger im Zusammenhang mit einem Bestechungsskandal zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt worden war. Der neue Bürgermeister zeigt auch Gesicht, wenn es den anderen hässlichen Seiten der Stadt an den Kragen geht. Er war persönlich vor Ort, als die Abrissmaschinen anrückten, um heruntergekommene Außenwerbung und illegale Anbauten in einer beliebten Ausgehmeile zu entfernen. Er setzte auf Dialog mit den Inhabern und überzeugte sie davon, dass es nur mit einem radikalen Schnitt einen Neuanfang geben kann.

Der neue Wind, der in Pafos weht, macht sich in den Straßen bemerkbar. Offenbar kommt das Geld für Infrastruktur und Stadtverschönerung endlich da an, wo es hingehört. Am 28. Januar, wenn das Jahr als Europäische Kulturhauptstadt offiziell eröffnet wird, sollen die Bauarbeiten an den Plätzen und Promenaden größtenteils abgeschlossen sein. Die Bewohner von Pafos wünschen sich, dass das Jahr nicht nur der Unterhaltung von Besuchern und Schaulustigen dient, sondern auch der nachhaltigen Verbesserung ihrer eigenen Lebensqualität.

Dazu gehören neben einem attraktiven Stadtbild höhere Einnahmen aus dem Tourismus. Die Region lebt in erster Linie vom Fremdenverkehr. Die Naturschönheit der Halbinsel Akamas, die historischen Stätten der tausendjährigen Geschichte, der Aphrodite-Mythos und die zahllosen Strände locken immerhin ein Drittel der drei Millionen Zypernbesucher in diese Gegend. Es geht wieder aufwärts, nachdem die Umsätze während der Finanzkrise einbrachen. Leerstehende Geschäfte und Clubs, Baustopps und hohe Arbeitslosigkeit waren die Folge.

Das etwas eingestaubte Image von Pafos und die Lethargie der vergangenen Jahre sollen mit den Feierlichkeiten des Kulturjahres hinweggefegt werden. Die Bewohner ziehen dabei mit. 400 ehrenamtliche Helfer stehen in den Startlöchern. Die ansässige Künstlerszene fühlt sich inspiriert und stellt eigene Projekte, parallel zum offiziellen Ablauf, auf die Beine. Die Aufmerksamkeit, die der Stadt nun international entgegengebracht wird, könnte der ganzen Region als Reiseziel zusätzlichen Schwung verleihen. Der Flughafen Pafos ist von vielen europäischen Städten sogar direkt erreichbar. Vielleicht gelingt es Pafos ja auch, sich langfristig als Anziehungspunkt für kulturinteressierte Zyprer zu etablieren, die bisher eher nach Nikosia oder Limassol fahren, um auszugehen.

Pafos mit seinen 33 000 Einwohnern verleiht dem Begriff Europäische Kulturhauptstadt eine neue Dimension. Nicht nur die mehr als 300 künstlerischen Ereignisse spiegeln die Kultur des Landes wider, sondern Pafos steht auch für die Kultur des Miteinanders, die Kultur des Kampfes gegen Korruption und Amtsmissbrauch, die Kultur des Mutes, sich als Stadt neu zu präsentieren.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen