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Streiken versaut das Geschäft

Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VdV, über die Notwendigkeit eines Tarifvertrages für Profifußballer

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 5 Min.

Spitzenprofis bei Bayern München verdienen bis zu 15 Millionen Euro brutto im Jahr. Werden die Fußballspieler in Deutschland so ausgebeutet, dass sie einen Tarifvertrag benötigen?
Es geht hier weniger um einen klassischen Gehaltstarifvertrag, sondern in erster Linie darum, einen fairen Interessenausgleich und rechtssichere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Davon würden Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen profitieren. Nur so lässt sich der deutsche Profifußball erfolgreich weiterentwickeln.

Geld ist nicht wichtig? Über einen Tarifvertrag könnten beispielsweise Gehaltsobergrenzen eingeführt werden.
Würde uns ein solches finanzielles Handicap im internationalen Wettbewerb weiter nach vorne bringen? Wohl eher nicht. Darunter würde die Wettbewerbsfähigkeit leiden und in der Folge könnte auch Vater Staat nicht mehr so hohe Steuereinnahmen aus dem Profifußball vereinnahmen. Das kann niemand wollen.

Wie viele Sportler vertreten Sie eigentlich und aus welchen Gehaltsklassen kommen sie?
Wir haben rund 1400 Mitglieder. Das geht los beim Nachwuchsspieler mit einem monatlichen Mindestgehalt von 250 Euro. Dann kommen Spieler der Regionalliga, da haben wir einen Gemischtwarenladen. Die Spanne verläuft von Amateuren mit Aufwandsentschädigung über Feierabendkicker auf Minijob-Basis bis hin zu Spielern, die 5000 Euro und mehr im Monat verdienen. Es folgen die Profis aus der 3. Liga und der 2. Bundesliga sowie an der Spitze die Bundesligaspieler, die zum Teil Einkommensmillionäre sind.

Der ehemalige Bundesligatorwart Heinz Müller hatte auf ein unbefristetes Arbeitsverhältnis geklagt, weil er mehr als zwei Jahre bei seinem Klub tätig war. Der Fall liegt nun vor dem Bundesarbeitsgericht. Wie stehen sie zur Frage der Befristungen?
Wir haben frühzeitig die Bundesliga darüber informiert, dass wir diese Problematik über einen Tarifvertrag lösen können. Im Teilzeit- und Befristungsgesetz steht nämlich, dass die zulässige Befristungsdauer über zwei Jahre hinaus auf der Grundlage eines Tarifvertrages verlängert werden kann. Aus unserer Sicht wären hier fünf Jahre unproblematisch und das wäre dann eine rechtssichere Lösung. Sollte der Torwart jetzt Recht bekommen, würde das bedeuten, dass Spieler, die länger als zwei Jahre bei ihrem Klub sind, grundsätzlich in ein unbefristetes Vertragsverhältnis übergehen, was weitreichende Folgen für die Transferpolitik hätte.

Würde dies den deutschen Profifußball nicht ins Chaos stürzen?
Bei diesem Szenario wäre der Einkauf von internationalen Topspielern kaum noch wirtschaftlich möglich, da die Spieler entweder nach einem Jahr weiterverkauft oder die Transferkosten nach zwei Jahren in voller Höhe abgeschrieben werden müssten. Daher ist es unverständlich, dass die Klubs dieses Prozessrisiko eingehen und sich nicht schon längst über einen Tarifvertrag abgesichert haben.

Weitere Bestandteile des Tarifvertrages sollen die Erhöhung des Urlaubs wie auch eine Begrenzung von Pflichtspielen sein. Würde dies nicht mit den Anforderungen der Nationalmannschaft kollidieren?
Es geht darum, die Belastung von Spitzenspielern auf ein vertretbares Maß zu reduzieren, um somit das Verletzungs- und Erkrankungsrisiko zu verringern. Profifußball ist kein Gesundheitssport. Viele Spieler sind nach dem Karriereende ihr ganzes Leben lang gesundheitlich schwer gehandicapt. Hier geht es insbesondere um Fürsorgepflichten. Zudem würden Belastungsbegrenzungen auch dem Wettbewerb nutzen. Denn nur erholte Menschen können dauerhaft Spitzenleistungen bringen.

Geht es bei der Einführung der Tarifverträge hauptsächlich darum, die Bundesliga für die internationalen Profis attraktiver zu machen?
Tarifverträge sind in anderen großen europäischen Fußballnationen eine Selbstverständlichkeit. Dort haben Klubs und Verbände erkannt, dass sich eine Liga nur auf der Grundlage eines rechtssicheren Interessensausgleiches nachhaltig betreiben und weiterentwickeln lässt. In England und Spanien ist es beispielsweise so, dass auch verletzte Spieler bis zum Vertragsende Geld vom Klub erhalten. Der DFL-Musterarbeitsvertrag sieht hingegen vor, dass die Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall nach sechs Wochen endet. Dies ist ein klarer Wettbewerbsnachteil für die Bundesliga. Wenn wir uns also mit der Bundesliga in der Weltspitze etablieren wollen, brauchen wir Arbeitsbedingungen, die diesem Anspruch gerecht werden.

Würden Tarifverträge vor möglichen Streiks schützen?
In England - dem mit großem Abstand führenden Land der Liga-Vermarktung - sind nach meiner Information 100 Prozent der Profis Gewerkschaftsmitglieder. Dort haben Klubs und Spieler gleichermaßen erkannt, wie wichtig Tarifbindung für eine erfolgreiche Vermarktung ist. Nur so haben die Klubs die Sicherheit, dass der Spielbetrieb planmäßig durchgeführt werden kann und es diesbezüglich keinen Ärger mit TV-Rechtehaltern, Sponsoren und Fans geben wird.

Glauben Sie denn, dass es in der Öffentlichkeit Verständnis für Arbeitskämpfe geben würde?
Das Streikrecht ist ein hohes Gut in unserem Rechtsstaat. Es kommt hier allerdings zunächst darauf an, die Klubs im ersten Schritt mit vernünftigen Argumenten davon zu überzeugen, dass ein Tarifvertrag im deutschen Profifußball Vorteile für Arbeitnehmer und Arbeitgeber bringen würde.

Ist denn die Deutsche Fußball Liga ein gewöhnlicher Arbeitgeberverband, mit dem ein Tarifvertrag überhaupt abgeschlossen werden kann? Immerhin wird ein Aufsteiger in die 2. Bundesliga verpflichtend Mitglied?
Tarifverträge können mit Arbeitgeberverbänden oder einzelnen Arbeitgebern geschlossen werden. Als Verhandlungspartner für den Lizenzfußball - also Bundesliga und 2. Bundesliga - käme die DFL als Arbeitgeberverband in Betracht. Fraglich ist aber in der Tat, ob die DFL überhaupt tariffähig ist, da es sich gewissermaßen um einen Verband mit Zwangsmitgliedschaften handelt. Alternativ müsste hier ein weiterer freiwilliger Verband gegründet werden.

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