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Die Unverletzte

Personalie

Sachia Vickery hatte sich gut vorbereitet und war »verkleidet« gekommen. Zu ihrem Achtelfinalspiel des Tennisturniers in Hobart trat sie mit einer Bandage an der Wade an. Sie wollte offensichtlich absichtlich verletzt aufgeben, das musste glaubwürdig aussehen, also schon am besten bandagiert auflaufen. Gleich nach dem ersten Aufschlagspiel ließ die 21-jährige US-Amerikanerin eine Physiotherapeutin kommen, schüttelte den Kopf: »Es geht nicht mehr!« Fast aber hätte all das nichts genützt, denn ihre belgische Gegnerin Elise Mertens hatte das gleiche vor und ebenfalls nach der Therapeutin gerufen. Letztlich musste die Schiedsrichterin entscheiden, welche der beiden gesunden Frauen verletzter wirkte. Die Wahl fiel auf die bandagierte Vickery.

Warum aber wollten beide Spielerinnen am Dienstag verlieren? Zwei Tage später stand nicht nur das Viertelfinale an, sondern auch der Start der Qualifikation zu den großen Australian Open in Melbourne. Beide Spielerinnen wollten daran teilnehmen, durften dafür nun aber in Hobart nicht weiterkommen. Vorher aufgeben war keine Option, sonst wären sie für Melbourne disqualifiziert gewesen, daher dieses für die Zuschauer ärgerliche Schauspiel.

Vickery hat in drei Jahren Profikarriere noch kein Halbfinale auf der WTA-Tour erreicht, versucht es meist bei kleineren Turnieren und hat trotzdem schon fast eine halbe Million Dollar Preisgeld verdient. Die Frau aus Florida ist so eine Spielerin, bei der man sich nach der Karriere fragt, wie sie es zur Millionärin geschafft hat. Nun gut, man muss die Reisekosten rund um die Welt bedenken, aber Tennisspielerinnen sind sicherlich nicht die schlechtbezahltesten Sportlerinnen dieser Welt.

Gebracht hat das Theater Vickery diesmal nichts. Sie scheiterte - extrem schnell genesen - gleich im ersten Spiel von Melbourne und verlor so neben dem guten Ruf auch noch Geld. Mertens erreichte in Hobart indes das Halbfinale und bekommt dafür mindestens 11 000 Dollar. Dafür hätte Vickery in Melbourne vier Spiele gewinnen müssen. Selbst Siege, die man gar nicht will, zahlen sich manchmal aus.

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