Aufstieg eines Verbannungsortes

Hainan im Süden Chinas entwickelt sich zu einem Touristenmagneten. Von Michael Juhran

Am südlichen Zipfel Chinas, jenseits des Festlandes, zeigt sich die Natur von ihrer schönsten Seite: saubere, jodhaltige Seeluft, badewannenwarmes Meereswasser, 300 Sonnentage und endlose Strände. Im bergigen Inneren von Hainan gedeiht ein üppiger Tropenwald, durch den sich klare Flüsse schlängeln - China, wie man es kaum kennt. Die Insel mit ganzjährig subtropischem Klima ist mit 34 000 Quadratkilometern ungefähr so groß wie Nordrhein-Westfalen. Früher verbannte man in Ungnade gefallene Beamte des Kaisers hierher. Für sie war es das Ende der Welt, wie man es noch immer an einem der Granitfelsen am beliebten Strand von »Tianya Haijao« nahe Sanya lesen kann.

Wenn man auch heute viele Beamte in Sanya, dem inzwischen angesagtesten Touristenhotspot auf Hainan, antrifft, so hat das andere Gründe. »Der obere Mittelstand Chinas verdient ordentlich und entdeckt in zunehmendem Maße die Lust am Reisen«, sagt Andreas Kraemer, Geschäftsführer im dortigen Hotel Intercontinental. 90 bis 95 Prozent seiner Gäste sind Chinesen, die es vornehmlich aus den Ballungszentren in den warmen Süden mit seiner unbelasteten Umwelt zieht.

Das etwa 800 000 Einwohner zählende Sanya steht dabei auf der Imageliste ganz weit oben. Wer sich hier einen Urlaub leisten kann, hat bereits etliche Stufen auf der Karriereleiter erklommen. Wenn er Sanya statt Hawaii wählt, liegt dies nicht nur an der kürzeren Flugstrecke, sondern auch daran, dass obere chinesische Staatsbeamte keinen Pass erhalten.

In Sanya schossen in den letzten Jahren 56 Hotels internationaler Topmarken wie Pilze aus dem Boden - Hyatt, Hilton, Intercontinental oder Mandarin Oriental. »Je schicker, neuer und größer die Hotels sind, desto stärker ihre Anziehungskraft«, weiß Stephan Stoss, Geschäftsführer des Hilton, aus Erfahrung zu berichten. »Noch vor wenigen Jahren dominierten Besucher aus Korea und Japan die Gästestruktur der Luxushotels und Golfplätze. Dieses Verhältnis hat sich völlig zugunsten chinesischer Gäste gedreht. Und der Bedarf steigt mit den Einkommen weiter rasant.«

»Wir haben ein riesiges Potenzial«, zeigt sich auch Sanyas Vizebürgermeister Yue Jin zuversichtlich. »Im Jahr 2015 begrüßten wir 15 Millionen Gäste. 2020 erwarten wir 20 Millionen, und in fünf Jahren wird unser neuer Flughafen mit einer Kapazität von 60 Millionen Reisenden fertig sein, so dass wir auch Direktflüge aus Frankfurt und London in den Flugplan aufnehmen können.« Noch führt die Anreise von Frankfurt über Peking oder Hongkong nach Sanya, aber mit Thomas Cook Airlines unterzeichnete Yue Jin bereits im September ein Memorandum, wonach in Kürze eine Direktverbindung zwischen Manchester und Sanya etabliert werden soll.

Einer, der frühzeitig das Potenzial der Stadt erkannte, ist Lawrence Wang. Der frühere Fabrikarbeiter begann nach eigener Auskunft mit 300 Yuan (aktuell 40 Euro) und stieg mit Öl- und Immobiliengeschäften zum Multimillionär auf. Heute zählt er zu den 500 reichsten Chinesen, besitzt vier Hotels und einen modernen Yachthafen in Sanya, wo er alljährlich im Dezember eine Luxusmesse arrangiert, auf der sich die Schönen und Reichen die Hand geben. »Das ist alles erst der Anfang«, ist sich Wang sicher. »Sanya wird sich mit seiner einzigartigen Lage schon bald zu einer internationalen Topdestination entwickeln.« Dabei schweben ihm auch solche Projekte wie künstliche Inseln oder schwimmende Luxushäuser à la Dubai vor. Der Status Hainans als Sonderwirtschaftszone kommt ihm dabei gerade recht.

Fährt man durch Sanya, so drehen sich überall die Baukräne. Selbst in der Innenstadt wurden erst kürzlich neun riesige Hochhauskomplexe im Design grüner Bäume als »Sanya Beauty Crown Hotel« mit 6000 Zimmern und Apartments eröffnet. Dass der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind, beweist auch die chinesische Fosun-Gruppe, die an der Haitang-Bucht gerade mit dem Atlantis-Projekt den größten Wasserpark Chinas inklusive Haifischbecken, Riesenrutschen, Unterwasserapartments und einem 1340-Zimmer-Hotel im Design von Burj Al Arab baut.

Die meisten Konzepte sind in erster Linie auf die chinesische Klientel ausgelegt, die gern in Familie mit Kindern, Eltern und Großeltern anreist. Selten zieht es sie an den Strand, denn gebräunte Haut gilt nicht als schick, und Schwimmen gehört nicht zu den bevorzugten Freizeitbeschäftigungen. So trifft man die chinesischen Gäste tagsüber hauptsächlich in den Shopping-Malls oder in den großzügig angelegten Freizeitparks an. Von der »Sanya Ice World« über den »Romance Park« oder ein Freiluftmuseum zur Geschichte nationaler Minderheiten spannt sich der Bogen der Angebote bis zur buddhistischen Nanshan-Tempelanlage mit der weltgrößten Guanyin-Statue (ein weiblicher Bodhisattva), die mit 108 Metern Höhe selbst die Freiheitsstatue in New York überragt. Wer im Hotel bleibt, der rekelt sich lieber unter einem Sonnenschirm am Pool, lässt sich im Wellnesscenter verwöhnen oder knipst mit dem Handy eine Unzahl von Bildern, um den Daheimgebliebenen zu imponieren.

Das lässt viel Platz für ausländische Besucher. Keiner muss hier früh aufstehen, um mit seinem Handtuch den Anspruch auf eine Liege am herrlichen Strand anzumelden. Als »einfach traumhaft« charakterisiert ein Münchner Ehepaar den Strandurlaub in Sanya. »Genau das Richtige, um seine Eindrücke nach einer China-Rundreise zu sortieren und Körper und Seele zu entspannen.« Im Hotel waren sie das einzige Paar aus Europa und wurden so besonders umsorgt. Doch das kann schon bald ganz anders aussehen, wenn es nach Vizebürgermeister Yue Jin geht. Er erwartet bereits in drei Jahren etwa 600 000 ausländische Gäste.

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