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Farbenlehre auf vier Hufen

Wie die Hauspferde zu ihren heutigen Fellvarianten kamen. Von Frank Ufen

Wildpferde haben in aller Regel ein Fell, das so gefärbt ist, dass sie sich möglichst wenig von ihrer Umgebung abheben. Mit Beginn ihrer Domestikation nimmt die Zahl der Farbvarianten erheblich zu, und durch züchterische Eingriffe entstehen viele, die zu auffällig sind, um noch der Tarnung dienen zu können. Allerdings ist es von Epoche zu Epoche verschieden, welche Fellfarben bei Pferden erwünscht sind und welche nicht. Zu dieser Erkenntnis ist kürzlich ein internationales Forscherteam unter der Leitung des Genetikers Arne Ludwig vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin gekommen. »Die Vielfalt von Fellfarb-Phänotypen ist nicht nur ein geschätztes charakteristisches Merkmal heutiger Zuchtpferde, sondern sie hat Menschen seit prähistorischen Zeiten fasziniert. Eiszeitliche Höhlenmalereien stellten schon Wildpferde mit einer Reihe verschiedener Farbmuster dar, und mit der Domestikation kamen etliche Varianten hinzu«, schreiben die Wissenschaftler. Sie berichten über ihre Forschungsergebnisse in der neuesten Ausgabe des Fachjournals »Scientific Reports«.

Die Wissenschaftler haben 201 DNA-Proben von Pferden, die aus der Zeit zwischen dem späten Pleistozän und dem Mittelalter stammen, analysiert und sind dabei auf insgesamt vierzehn verschiedene Typen von Fellfärbungen gestoßen. In der Frühzeit der Domestikation (4000 bis 2700 v. u. Z.) traten sechs Varianten auf, von denen es drei schon vorher gegeben hatte. In der Bronzezeit (2700 bis 900 v. u. Z.) und in der Eisenzeit (900 v. u. Z. bis 400 u. Z.) gab es immerhin schon neun verschiedene Farbmuster. In all diesen Phasen dominierten gescheckte und helle Pferde. Doch im Verlauf des Mittelalters nahm ihre Wertschätzung immer mehr ab, und an ihre Stelle traten immer mehr einfarbige, allen voran Füchse.

Das lässt sich damit erklären, dass reinerbige gescheckte Pferde oft nachtblind sind. Wegen dieser Behinderung und wegen des Umstandes, dass sie dazu neigen, zaghaft, nervös oder unberechenbar zu reagieren, waren sie für Kampfeinsätze und die Jagd nur eingeschränkt geeignet.

Das Forscherteam vermutet, dass sich auch aus kulturellen und religiösen Gründen diese Vorliebe für einfarbige Felle herausgebildet hat. Schon in der Spätphase des Römischen Reiches galten Pferde mit einem einheitlich gefärbten Fell als wertvoller als solche, deren Fell gefleckt war oder einen unscheinbaren verwaschenen Farbton hatte. Das könnte nach Auffassung der Wissenschaftler damit zusammenhängen, dass das gefleckte Fell lange als Merkmal zur Unterscheidung zwischen domestizierten und wilden Pferden diente. Doch je mehr die Wildpferdbestände zurückgingen, desto weniger wurde dieses Kennzeichen benötigt.

Im 6. Kapitel der Offenbarung des Johannes (zwischen 81 und 96 u. Z.) tauchen die vier apokalyptischen Reiter auf. Der erste Reiter reitet einen Schimmel oder ein weiß gesprenkeltes Pferd - die weiße Farbe symbolisiert den Sieg. Das Pferd des zweiten Reiters ist kastanienbraun - diese Farbe steht für den Krieg. Der dritte Reiter kommt auf einem Rappen geritten - die schwarze Farbe steht für den Hunger. Und die fahle Farbe des Pferdes, das den vierten Reiter trägt, symbolisiert den Tod. Das bedeutet, dass einzig und allein das weiße oder das weiß gefleckte Pferd mit keinem Übel in Verbindung gebracht wurden. Doch während der zweiten Hälfte des Mittelalters - nachdem Europa von verheerenden Epidemien wie der Pest heimgesucht worden war - wurde der Reiter des Sieges durch den der Seuchen ersetzt, und das weiße Fell büßte seinen Sonderstatus ein.

Und schließlich - vermuten die Wissenschaftler - könnte eine Rolle gespielt haben, dass das Aufkommen effizienterer Fernwaffen wie des Langbogens dazu führte, dass diese Pferde öfter abgeschossen wurden, weil sie aus großer Distanz leichter zu erkennen waren.

Arne Ludwig und seine Kollegen betonen allerdings, dass sie bisher nur etwas über die im geschichtlichen Verlauf wechselnden Vorlieben der Ritter und des Adels überhaupt für bestimmte Fellfarben aussagen könnten. Ob auch die bäuerliche Bevölkerung bei ihren Arbeitspferden auf solche farblichen Unterschiede geachtet hätte, müsse noch erforscht werden.

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