Deutsche Witze

Von Paula Irmschler

  • Von Paula Irmschler
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein 20-sekündiger Ausschnitt aus einem Auftritt von Jonny Buchardt beim Kölner Karneval im Jahre 1973 erhielt vor wenigen Jahren Aufmerksamkeit, als er dank sozialer Medien zum Internetphänomen gehyped wurde. Darin ruft er dem Publikum entgegen »zicke zacke zicke zacke«, »hipp, hipp« und schließlich »Sieg« - und die Leute antworten brav »hoi hoi hoi«, »hurra« und, auf Letzteres, ganz selbstverständlich mit »Heil«. Die Deutschen waren dem Komiker auf den Leim gegangen, und statt zu erschrecken, ergingen sie sich in schmutzigem Lachen. Vieles, was an deutschem Humor problematisch ist, kann man in diesen 20 Sekunden sehen. Hier ist das Publikum gleichzeitig das Ziel des Witzes, was ihn zu einem gelungenen Witz macht. Oder wie es Serdar Somuncu ausdrückt: »Ist es eigentlich schlimmer, dass ich die Witze mache oder dass Sie darüber lachen?« Rhetorischer kann eine Frage nicht sein.

Meist aber lachen Deutsche eben nicht über sich selbst, und wenn, wie 1973, nur in bester Absicht. Nafri-Witze kommen z.B. gut an. Nafri-Witze (»Nafri-Cola«) werden gemacht und gefeiert, aber nicht welche über die Polizei. Sicher kommt ein solcher Witz nicht ohne Reproduktion aus, aber ist an dieser Stelle einzig und allein affirmativer Natur. Es wird nach unten getreten, statt, wie es gesellschaftsentlarvende Satire versucht, nach oben zu polemisieren. Auf Kritik wird entgegnet: »Satire darf alles«, wie dieser berühmte Typ das mal gesagt hat, und so ist alles möglich: Es wird dann alles rausgehauen, was man sich sonst verbietet.

Deswegen sind weibliche und nichtweiße Comedians nur dann erfolgreich, wenn sie sich »Fotze« oder »Quotentürke« nennen. Deswegen kann sich Jan Böhmermann vor ein großes Publikum stellen und Witze über Betroffene sexueller Gewalt machen: »Ich halte zu Gina-Lisa, ob sie will oder nicht.« Dabei geht es im Übrigen nicht darum, ob Gina-Lisa tatsächlich Betroffene ist, der Witz ist auch ohne ihren Fall nicht mehr als ein Vergewaltigungswitz. Der »Titanic« fiel zu diesem Fall auch nichts besseres ein, als eine ekelhafte Ladung Herrenwitze abzudrucken, bewies aber im Falle Kai Diekmann (ihm wird von einer Frau Belästigung vorgeworfen) unlängst, dass sie es auch besser kann, und proklamierte in bester »Bild«-Manier über den ehemaligen Chefredakteur: »Hier grinst das Sex-Schwein«. Ganz klein noch eingefügt das Wort »mutmaßlich«. Treffer - nach oben - versenkt. In seinem Podcast »Fest & Flauschig« setzte Böhmermann noch eins drauf und lamentierte, Kritikerinnen von Rape-Jokes seien Leute ohne Leben, weil doch niemand wirklich über Rape-Jokes lachen würde. Tja, nur eben eine ganze Nation. Während Atze Schröder noch einen Shitstorm erhält, wird Böhmermann als Vorzeigesatiriker der Nation gehandelt. Letztlich tun weiße Männer, was sie immer tun. Nur dass sich manche für ganz besonders progressiv halten. Das Augenzwinkern ist der neue Schenkelklopfer.

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