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Im Autohof bei Oed

Martin Leidenfrost über »Oldtimer«, rumänische Lkw-Fahrer und ein immerzu gleichbleibendes Gratis-Plumpsklo

Lange schon juckte es mich, endlich mal eine Expedition in meine engere Heimat zu unternehmen, ins niederösterreichische »Mostviertel«. Als Schauplatz wählte ich einen Autohof, sieben Kilometer von meinem Elternhaus entfernt. Er heißt »Oldtimer«, liegt an der Autobahn zwischen Salzburg und Wien, und die entsprechende Abfahrt von der A1 trägt den durchaus passenden Namen »Oed«. »Oldtimer« hat die billigste Tankstelle, ein günstiges Restaurant, einen Burger King, vor allem aber ein 24 Stunden sauber gehaltenes Gratis-Klo. Zahlreiche Freizeitangebote zogen anfangs auch Einheimische an, seit einiger Zeit setzen aber besonders Mostviertlerinnen keinen Fuß mehr rein: »Nur mehr Gsindl«, »Bulgaren« »Schwoaze«, »Rastlbinder«. Tatsächlich ist die meistgehörte Sprache im Autohof Rumänisch, gefolgt von Mostviertlerisch, Bulgarisch, Ungarisch und Serbokroatisch. Auch Autobahndeutsche meiden den längeren Aufenthalt.

Ich begann meine Oldtimer-Nacht mit Familie. Das Herzstück war der Tresen, mit seinen zwei Zacken sicher 30 Meter lang. Die wenigen treuen Barflies aus Oed waren um 18 Uhr schon weg. Eine Rumänin und ihre Schwiegertochter aus Schanghai bedienten uns. Wir nutzten die Gratis-Kegelbahn, dann aßen wir zu Abend. Mein Vater, seit einem Jahr in Rente, war 43 Jahre lang Fernfahrer gewesen. Bis in die Neunzigerjahre hatten Lkw-Fahrer verschworene Spontan-Gemeinschaften gebildet, in diesem Jahrhundert sah er Kollegen nur noch von Ferne in ihren Gehäusen sitzen, ferngesteuert, entfremdet und fremd. Das neue Internet-Display auf dem Restauranttisch stimmte Papa ganz melancholisch. Er sagte: »Die heutigen Chauffeure gehen nicht mehr essen«, von den 28 Fahrern seiner Mostviertler Firma war er zuletzt der einzige Mittagesser gewesen. Die Rumänen, die draußen in ihren Lkws schliefen, kamen erst recht nicht zum Essen herein. »Die haben alles mit. Sie legen sich um fünf nieder und fahren um drei in der Nacht weiter. Da geht's am schönsten.« Ich erfuhr nebenbei, dass der Oldtimer-Chef die Trinkgelder einbehält und zu seinem Sechziger im roten Ferrari vorfuhr.

Gegen Vaters Rat nutzte ich dann die Gratissauna. Ich war dort allein. Es lief Radio, an die Wand war »Stille spricht« gemalt, und es hingen schwarz-weiße Foto-Akte von Blondinen in schäumender See. Den einsehbaren Gratisfitnessraum sah ich mir nur durch die Scheibe an. Ab Mitternacht war ich allein. Ich saß wieder am Tresen. Ein junger rumänischer Rom wackelte mit seinem Kaffeegutschein und rief: »Madame, toute de suite!« Die rumänische Barfrau, die ein schickes rumänisches Paar auf Rumänisch bediente, herrschte ihn auf Deutsch an: »Nicht so laut!« Er musste sich seinen Kaffee vom Katzentisch abholen. Er humpelte an die Sonnenseite zurück und schrie seine rumlaufenden Kumpane fortan nur noch mimisch und gestisch an. Er vermochte ohne Worte auszudrücken: Komm nach hinten raus zum Rauchen, Weiber vorhanden.

Die Tiefe der Nacht gehörte den Roma. An den Hochtischen hinter der Bar konnte man stundenlang mit Automatenkaffee sitzen, ohne groß gesehen zu werden. Ganz hinten schlief eine Familie in wechselnden Positionen und Besetzungen, die Oma wachte aufrecht mit schlitzförmigem Blick. Einer streute mehr Zucker in den Becher als Kaffee drin war. Spät in der Nacht schrie das Baby einer Romni. Sie zog einen prallen Busen aus dem rosa T-Shirt, und während das Baby an ihr sog, sog sie an einer Kippe. Später hatte sich das Baby in Trance genuckelt, die Mutter saß starr wie eine Büste da. Schließlich verließ sie im Familienkreis die Raststätte, mit ausgeklappter Brust und dranhängendem Säugling.

An Oldtimerstraße 1 graute der Morgen. Kurz eine große Leere, danach ein Austausch der Kundschaft. Nordwest statt Südost, im Shop viel lokaler Dialekt. Zwei pockennarbige Ungarn fanden es lustig, die verspeisten Debreziner Würste gegenüber den rumänischen Kellnerinnen zu loben, mit »kurva jó volt«, »hurengut«. Kleine Neckerei unter EU-Nachbarn, nur dass »curva« auch auf Rumänisch »Hure« bedeutet. Als es hell war, verschlangen zwei französischsprachige Tantchen Schokoeis. Als ratterte ihnen der Geschäftsbericht durch den Kopf, musterten zwei knollnäsige Holländer die stadel-ähnliche Decke. Wie ganz Europa, so ist auch Oldtimer Oed jeden Augenblick am Kippen. Immerzu gleich bleibt nur das Plumpsklo-Hüttchen am Eingang. Tag und Nacht feuert die drinsitzende Männerpuppe zünftige oberbayerische Sprüche ab, über die Notdurft.

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